Samstag, März 17, 2012

Geduldsprämien

"Die Esten sind geduldiger und toleranter als andere Völker auf diesem Planeten", so soll es Marju Lauristin, gegenwärtig Profesorin an der Universität Tartu, ehemals mehrfache Ministerin und Mit-Gründerin der estnischen Rahvarinne ("Volksfront"), in einer estnischen Talkshow gesagt haben, "aber auch die Esten wollen irgendwann für ihre Geduld belohnt werden."

Gemeint sind die jüngsten massenhaften Streiks. Wollen die Esten einen Wandel? Mehrere Zehntausend Menschen protestierten dieser Tage gegen zu niedrige Löhne. Die Lehrerinnen und Lehrer fordern Lohnerhöhungen um 20%, viele anderen Branchen schlossen sich an. Ist das "Euro-Schweigejahr" vorbei? 2011 führte Estland den Euro ein, und dieses Ziel hatte Regierungschef Ansip häufig als Rechtfertigung für einen rigiden Sparkurs begründet. Nicht nur das "Handelsblatt" kommt auf den Gedanken, die Lage in Estland mit der Griechenlands zu vergleichen: "Der estnische Mindestlohn von 278 Euro wird in der EU nur von Rumänien, Litauen und Bulgarien unterboten," steht da zu lesen, und die "flexible Lohnpolitik" wird nicht zum ersten Mal als Vorbild für andere Länder hingestellt.

Führende estnische Politiker werden offenbar nervös angesichts der ungeduldiger werdenden Esten. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas sagte auf einem Treffen estnischer Unternehmer, er halte gerade Streiks im Transport- und Verkehrsgewerbe für besonders bedenklich: "eine besonders scharfe Waffe." Er deutete an, auch die EU könnte Maßnahmen ergreifen um Streiks zu vermeiden. Dabei hatten sich estnische Bus- und Straßenbahnfahrer nicht einmal vollzählig an den offiziell ausgerufenen Streiks beteiligt - sie fuhren zwar mit Zeichen der Solidarität an ihren Fahrzeugen, aber Beobachtern zufolge soll etwa 30% des öffentlichen Nahverkehrs auch während der Streiktage in Betrieb gewesen sein. Die estnische Transportarbeitergewerkschaft (Eesti Transpordi- ja Teetöötajate Ametiühing) hatte in neun estnischen Städten Streiks aus Solidarität mit den Streiks der estnischen Lehrerinnen und Lehrer organisiert.

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