Samstag, Juli 16, 2011

Teures Radfahren

"Entführte estnische Radfahrer kehren glücklich nach Hause zurück" - das war die gestrige Schlagzeile, die vor allem das estnische Außenministerium glücklich verbreitet. Am 23. März waren sieben estnische Radtouristen, aus Syrien kommend, in der Bekaa-Hochebene im Libanon von Bewaffneten in einen Kleinbus gezwungen und entführt worden. Räder, Rucksäcke und Papiere waren nach dem Vorfall von der Polizei am Entführungsort aufgefunden worden. Wochenlang wurde ergebnislos gesucht, im April tauchte ein Video auf, in dem die Entführten um Hilfe baten. Nun wurden sie nach 113 Tagen angeblich freigelassen, weil "die Entführten nichts mit ihnen anzufangen wussten". Es bleiben viele Fragen.

Die freigelassenen Radtouristen kurz nach ihrer
Ankunft am Flughafen Tallinn - Pressekonferenz
mit Minister (Q
uelle: Aripaev)
Einen Radlerurlaub gerade in einer bekannten Krisenregion zu planen - schon das sehen viele kritisch. In Deutschland gibt das Auswärtige Amt im Falle einer aktuellen Bedrohungelage Reisewarnungen heraus - ob es in Estland Ähnliches gibt? Bei staatlichen "Rettungsaktionen" werden ja gelegentlich auch schon mal Rechnungen ausgestellt. "Wir wurden an drei unterschiedlichen Orten festgehalten. Aber die Tatsache, dass wir immer zusammenbleiben konnten, gab uns Kraft" so Madis Paluoja, einer der Rückkehrer, am Tallinner Flughafen gegenüber der Presse. "Es gab auch eine Sitution, wo wir alle zusammen mit acht Entführern und deren Kalschnikows in einem Zimmer waren."

Die Entführergruppe, die sich Haraket al-Nahda Wal-Islah (Bewegung für Erneuerung und Reform) nennen soll, habe ursprünglich einen Freikauf gefordert. Ob aber für die Freilassung tatsächlich Geld geflossen ist - dazu gab es zunächst unklare Äußerungen der estnischen Regierung. Die libanesischen Behörden sollen ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen haben, wurde als Grund für die Zurückhaltung genannt. Libanesische Quellen nennen eine Summe von 10 Millionen Euro, die angeblich für die Freilassung aufgebracht worden sei. Estlands Außenminister Paet bedankte sich ausführlich für die Zusammenarbeit mit einigen anderen Ländern der EU, namentlich besonders Frankreich und Deutschland. Gefragt nach möglichen Kosten der Befreiungsaktion, wird Paet zunächst mit der Äußerung zitiert, es gäbe bei solchen gemeinschaftlichen Aktionen immer Kosten, und die seien nicht gering. Der estnische Ministerpräsident Ansip hatte dann am 14.Juli im Rahmen einer Pressekonferenz gesagt, Estland habe keinerlei Lösegeld bezahlt. Einige estnische Kommentatoren vertreten die Auffassung, Estland solle auf jeden Fall Stillschweigen zu dieser Frage bewahren - um nicht in Zukunft als Land dazustehen, von dem es heißt dass es allzu leicht Lösegeld zahle.  

In einem Bericht des Internetpportals "NOW Lebanon" ist nachzulesen, dass lokale libanesische Medien heftig spekulieren über weitere Hintergründe der Befreiungsaktion. Zunächst sei die Aktion aus libanesischer Sicht als "Sieg Frankreichs" anzusehen (Freilassung ausgerechnet am französischen Nationalfeiertag!), und man fragt sich, welche Rolle Syrien gespielt habe - ein Land in dem die Regierung zuletzt aufkommende Demonstrationen blutig niederschlagen ließ. Schon früher war spekuliert worden, die durchreisenden estnischen Touristen hätten vielleicht Fotos gemacht vom Geschehen in Syrien. Auch die Beteiligung von militanten Palistinensergruppen war zunächst für möglich gehalten worden - was diese aber vehement abstritten. In der libanesischen Öffentlichkeit macht es offenbar einen widersprüchlichen Eindruck, dass die libanesischen Behörden einerseits in alle Operationen einbezogen worden seien, sich aber bei der Befreiungsaktion selbst bewußt zurückgehalten haben. Inzwischen gab die libanesische Regierung die Verhaftung von neun angeblich in die Entführung verwickelten Personen bekannt.

Gegenüber der Presse bezeichneten die "Libanon 7" ihre Entführer als "radikale Moslems". Diese seien am Ende der Entführung "genauso müde gewesen wie die Entführten". Die glücklich Heimgekehrten traten dafür ein, niemand nur wegen seines Glaubens für einen Terroristen zu halten.

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