Samstag, Februar 21, 2009

Wirtschaftskrise II


"Dem Tiger fallen die Zähne aus". Nette Schlagzeile. Nicht wenige Medienartikel befassen sich mit dem Abschwung in Osteuropa. Und bei manchen liest man auch unterschwellige Schadenfreude heraus.
Nun, Estland hatte eine Krise, aber die war anders als diese hier. Als Erinnerung bewahre ich mir diesen Lebensmittelcoupon von 1992 auf. Einiges war damals nur noch mit Karte zu bekommen, oder erschwinglich mit diesen zugeteilten Karten. Ironischerweise auch für Alkohol.
Also, die etwas älteren Jahrgänge haben das noch gut in Erinnerung. Und 2009 ist doch entschieden anders.
Warum? Hier ein Beispiel. Flasher_T in Who Wants The Euro?.
Und warum schon wieder Flasher? Weil er einer der Europäer ist, die oben unter dem Titel unseres Blogs erwähnt sind. Er wurde als Blogger von einem europäischen Wettbewerb als Teilnehmer ausgewählt. Sie bloggen nun um die Wette über die Wahlen zum Europaparlament. Und gemeint sind wir, alle: Th!nk about it
Flasher_T

Update: Hier noch eine offizielle Stellungnahme. Mart Laar im Wallstreet Journal.
Freedom Is Still the Best Policy
Eastern Europe won't be looking for government-led recovery.

Es gibt also immer noch starke Positionen gegen staatliche Eingriffe. Andere Meinung: siehe Kommentare.

Kommentare:

  1. Ich bin Ostdeutscher und lebe mittlerweile seit 1 1/2 Jahren in Estland. Einiges gefällt mir gut, anderes nicht so gut. Was mich jedoch am meisten stört, ist was diese liberale Wirtschaftsideologie aus dem Land uns seinen Menschen gemacht hat. Es ist als so, als ob man nach 1990 ohne nachzudenken einfach eine Ideologie mit einer anderen vertauscht hat. Sorry, aber ich sehe hier den Egoismus im zwischenmenschlichen Verhalten, den diese wirtschaftsliberale Ideologie angerichtet hat. Es ist schlimm, wenn der einzige moralische Wert, den eine Gesellschaft hat, in "Business" und Geld scheffeln besteht. Es klingt vielleicht hart, aber seit ich die Situation in Estland kenne, weiss ich wie ich Deutschland niemals erleben möchte. Und ich weiss jetzt auch bestimmte Errungenschaften, wie den deutschen Sozialstaat oder eine solidarische Gesellschaft viel mehr zu schätzen. Insofern ist die jetzige Krise vieleicht eine ganz heilsame Lehre für die estnische Gesellschaft: Besser ein heilsamer Schrecken als als ein mit Schulden und Krediten Schulden bezahlter "virtueller" wirtschaftlicher Aufschwung. Den Standpunkt des Autors versteh ich ganz und gar nicht - Wie blind muss man eigentlich sein, um nach all dem angerichteten Schaden diese wirtschaftsliberale Pseudo-Religion immer noch rechtfertigen zu können?

    PS: warum muss man, um bei euch einen Kommentar zu hinterlassen über ein google Konto verfügen? Ist nicht gerade datenschutzfreundlich, bei dem ruf den Google in Datenschutzfragen "genießt".

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  2. Tere moevenort,

    Kommentare in unserem Blog setzen kein Google-Konto voraus. Es gelten auch sogenannte OpenID-Konten, also anderswo im Netz erfolgte Registrierungen. Und auch bei Blogger.com Registrierte müssen keineswegs sehr viel von ihren privaten Daten angeben, wenn sie nicht wollen.

    Wir haben anfangs schlechte Erfahrungen damit gemacht, wenn nicht identifizierbare Leute irgendwelchen Unsinn hinterlassen. Daher leider keine "völlige Freiheit" - denn hinter diesem Blog steckt nicht einfach ein Geschäftstrick oder sowas, sondern ein Zusammenschluß von Leuten, die sich für Estland interessieren.

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  3. Hm, geht es wirklich immer nur ums Geldscheffeln? Flasher vertritt zwar libertäre Ansichten, aber allein sein Blog spricht dagegen, dass hier jemand nur einem Egotrip folgt. Wenn man weiß, wie viel Zeit in einigen seiner Posts, zum Beispiel über die Immobilienblase steckt, und dieses dann frei ins Netz stellt... .
    Meine Absicht war, darauf hinzuweisen, warum auch jetzt noch, mitten in der Krise, die wesentlichen Standpunkte der wirtschaftlichen Öffnung Estlands, verteidigt werden. Mart Laar zum Beispiel, der Expremier, hat das wiederholt begründet. Aber gleicher Ansicht muss man nicht sein.

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  4. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass für ein "Ostdeutscher" (besonders älteren Jahrganges) sich estländische Gewässer in einen Horror-Landschaft verwandeln, wenn plötzlich nach Leistung gefragt wird.

    Andererseits hat er schon Recht, dass der Alltag in Estland vom Geld bestimmt ist, jedenfalls mehr als in Deutschland und ich meine auch mehr als oft in den Staaten, denn selbst dort ist man mittlerweile auf die Schliche gekommen, dass die bisherige Kapitalismusform mit den Privatinvestoren und Hedge-Fonds am sterben ist (die Meisten sind ja auch gar nicht mehr im Geschäft, da wird es offensichtlich), während in Estland immer noch die Meinung von Gedanken beherscht wird, der Markt regele alles von selbst (was zwar richtig ist, allerdings der Ausgang ohne regulierende Massnahmen zweifelhaft ist).

    Estland ist mit rund 10% BiP-Rückgang im Q4 2008 zum Vorjahresvergleich im freiem Fall.

    Wenn das so weiter geht (und es wird noch mindestens 2 Jahre so weiter gehewn, wenn alles dem Markt überlassen wird), haben bald einige Esten mehr Zeit, sich über was anderes Gedanken zu machen, denn diese werden out of business sein.

    Interessante Indikatoren werden hierbei auch noch die Selbsmordrate (welche eh schon rund 5 mal höher als in westeuropäischen Ländern ist),
    und die Scheidungsraten (welche in der gesamten EU heute schon mit über 55% am höchstem ist) spielen, wenn dann plötzlich die traumhafte Hypothek platzt und der Traummann dann nicht mehr über drei Autos und ein grosses Familienhaus verfügt, aber die blondierte und manikürte Traumfrau inkl. Gucci-Handttasche sich auf und davon macht und der eben noch auf mit Hilfe von Credex aufgebauten Krediten neureiche Sohn dann plötzlich wieder bei den Eltern lebend wiederfindet (soweit diese nicht auch ihr Hab und Gut an Swedbank und Co. de facto verpfändet haben).

    Ist aber nicht nur ein Thema für Estland. Letztendlich sitzen alle auf die ein oder andere Art im Boot und die moralischen Werte werden sich genau an den eben genannten Indikatoren feststellen lassen. Nicht nur in Estland. Aber in Estland sieht es mit moralischen, besser ethischen Werten nicht so gut aus. Estland ist aber auch kein christlich geprägtes Land.

    Vielleicht ist dass unter Umständen ein Problem mit einem vernunftbedarftem Umgang mit Kapital in Estland, denn der Kapitalismus ist eine in christlichen Gewässern aus der Traufe gehobenes Wirtschafts-System.

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  5. @sonikrave: Ich bin übrigens Ostdeutscher jüngerer Generation. nur wegen ihrer Vermutung. Erstaunlicherweise zeigen nur eine ganze Reihe sozialwissenschaftliche Untersuchungen, dass gerade der jungen Generation in Ostdeutschland, eine solidarische Gesellschaft besonders am Herzen liegt. Und das ist schon ein gravierender Unterschied im Weltbild wenn man das mit der jungen Generation in Estland vergleicht. Das sieht man einmal wie unterschiedlich sich Gesellschaften trotz der gleichen kommunistischen Vergangenheit entwickeln können. Mir persönlich gefällt der ostdeutsche Weg allerdings wesentlich besser. Und das die Lebensquaslität in Ostdeutschland fast 20 jahre nach der Wiedervereiningung trotz (oder gerade wegen?) der sozialen Marktwirtschaft deutlich höher als in Estland liegt, wird ja wohl auch niemand ernsthaft bestreiten können.

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  6. @sonikrave: wie war eigenlich ihre Anfangsbemerkung gemeint? Glauben Sie ernsthaft Ostdeutsche wären nicht leistungsbereit? Da könnte ich Ihnen aber allein schon anhand meines eigenen Lebenslaufs das pure Gegenteil beweisen. was christliche Werte angeht: Ostdeutschland ist wegen der kommunistischen Vergangenheit in etwa genauso wenig christlich geprägt wie Estland. Und trotzdem existieren dort eben weiter andere werte neben dem Geld verdienen. Die Urssache dafür würde mich schon einmal interessieren.

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  7. Der direkte Vergleich Estland und Ostdeutschland nach 1990 ist mir hier nicht sehr aussagekräftig.
    Zum Beispiel lag das monatliche Durchschnittseinkommen in Estland unter 50 US Dollar Anfang 1992. Wo sollten dann also die Gelder für hohe Pensionen hergenommen werden? Nur eine enorme Staatsverschuldung hätte das gestemmt.
    In der Bundesrepublik wurden die Pensionen auf hohem Niveau ausgezahlt, die Kaufkraft dieser Bevölkerungsschicht war gleich ein Vielfaches höher als in anderen osteuropäischen Ländern.

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  8. @Jens-Olaf: dass der direkte Vergleich hinkt, ist mir natürlich auch klar. Mir ging es um die unterschiedliche Werteentwicklung in beiden Gesellschaften. Und da würden mich die Ursachen schon einmal interessieren. Aber abgesehen vom unterschiedlichen Ausgangsniveau: vielleicht sollte man dann aber auch einmal über die unterschiedliche Steuergesetzgebung sprechen: Bei einer Flattax wie in Estland ist eigentlich sonnenklar,dass der Staat notorisch klamm ist und nicht über die Mittel verfügt, einen Sozialstaat auch nur im Ansatz aufzubauen. Diese bittere Erfahrung macht ja jetzt in Zeiten derKrise Irland und wahrscheinlich auch noch eine Reihe weiterer Staaten. Wahrscheinlich stellt sich dann schon die Frage was letztendlich kostengünstiger kommt: ein funktionierender Sozialstaat oder permanente soziale Spannungen in der Gesellschaft.

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  9. Ich würde die Gleichsetzung von "Ostdeutscher = nicht leistungsbereit" (bzw. Esten = wagemutig) auch nicht unterstützen. Dazu habe ich auch viel zu viele "Wessi's" in den baltischen Staaten rumlaufen sehen (bin ja selbst einer!), die vor sich hertragen: "Wir wollen helfen, dass ihr unsere Fehler nicht wiederholt". Weniger Flexibilität und Bereitschaft, sich auf ein immerhin zumeist fremdes Land einzustellen, geht kaum.

    Und ich möchte als Deutscher andererseits die "Güteklasse" estnischer Aktivitäten auch nicht danach bemessen, wie viele Deutschkurse dort besucht werden, oder wieviel "Dankbarkeit" die Esten gegenüber deutschen Investitionen zeigen (die Investitionen sind ja auch meist gar nicht so hoch, wie sie immer vermutet werden, oder wie diejenigen Deutschen proklamieren, die sich quasi automatisch als "Anwalt der Balten" ausgeben).

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  10. "Dazu habe ich auch viel zu viele "Wessi's" in den baltischen Staaten rumlaufen sehen (bin ja selbst einer!), die vor sich hertragen: "Wir wollen helfen, dass ihr unsere Fehler nicht wiederholt". "

    Das ist allerdings gerade eine Meinung, die mir in Estland irgendwie geläufig ist, nicht aus Fehlern anderer zu lernen oder mal einen Blick darauf zu werfen, sondern zu ignorieren und den eigenen Weg zu gehen, so individuell und unabhängig sich die Menschen hier eben halten und sich 'von niemanden was sagen lassen wollen'.

    Ist unter Anderem oft ein Problem, wenn es um Teamarbeit geht. Das beste Beispiel ist das estnische Parlament, wo sich nicht nur unterschiedliche Parteien streiten, sondern auch noch nicht selten öffentlich untereinander innerhalb einer Partei.

    Was natürlich nicht so gut ist, um strategisch erfolgreich allgemeine Partei-Interessen durchzusetzen.

    Natürlich sind dass alles auch vor allem verallgemeinernde Klischees, aber nicht selten ist auch wenig Wahres drann.

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