Dienstag, April 15, 2008

Droht auch estnischen Banken die Pleite?

Manche Finanzanalysen sagen gegenwärtig voraus, auch Banken in den baltischen Staaten könnten noch wegen schlecht abgesicherter Kredite in Schwierigkeiten kommen.
Baltic Business News (bbn) schrieb am 14.4., 28% der Befragten hätten zugegeben, Schwierigkeiten bei der Rückzahlung ihrer Baukredite zu haben (Quelle: Umfragen von Faktum&Ariko
). Die meisten, die das betrifft, seinen jünger als 34 Jahre alt. Dabei gaben die weiblichen Interviewten ihre Schwierigkeiten offener zu als die Männer.

BBN zitiert Triin Messimas von der SEB-Bank, wonach die Tendenz zu beobachten sei, dass Privatkunden zunächst ihren Baukredit zurückzuzahlen versuchen - und dabei im Falle von Schwierigkeiten die Schulden ihrer Kreditkarte oder von Leasing-Geschäften erstmal auflaufen lassen. Terje Lääts, ein Berater für Kunden mit Rückzahlungproblemen erzählt im gleichen Beitrag, er habe etwa zehn solche Fälle innerhalb von zwei Tagen, meist "normale arbeitende Menschen".

Eine Rolle spielen in dieser Diskussion offenbar auch die sogenannten "SMS-Kredite" - ein Griff zum Mobiltelefon, und schon ist der Kreditvertrag "unterschrieben" (gibts das in Deutschland eigentlich auch?). Die meisten Est/innen sprechen sich für ein Verbot dieser SMS-Kredite aus (20% dagegen). Näheres zum Verfahren dieser "SMS-loans" hier (Network Europe).

"DSL-Tarife" schreibt zu diesem Thema, nicht ohne zu erwähnen, dass in Deutschland ein Kredit als "sittenwidrig gilt, wenn er 91% übersteigt:
"die Zinsbelastung ist enorm: Bereits nach 14 Tagen werden für 100 Euro insgesamt 120 Euro fällig. Nach zwei Monaten hat sich die geforderte Summe bereits verdoppelt. Innerhalb eines Jahres hat sich die Summe mit einer Verzinsung von 11.400 Prozent verhundertfacht."
Und im TAZBLOG war folgendes zu lesen: "Die ursprünglich aus Finnland stammende Firma Ferratum bietet Ihnen einen Blitzkredit von 300 Euro an. Der könne in 10 Minuten gutgeschrieben sein. Innerhalb von 15 Tagen muss zurückbezahlt werden. - zuzüglich einer Gebühr von sage und schreibe 75 Euro. Der Trick: Ferratum nennt es nicht Zinsen sondern 'Bearbeitungsgebühr'."

Also aufgepasst: die nächste SMS von Deiner Bank könnte auch die letzte sein ...

Kommentare:

  1. Ein guter Freund aus dem Businessbereich hat mir erst gerade erzählt, dass eine ganze Reihe SMS-Kreditfirmen (und davon gibt es in Estland ja mittlerweile weit mehr als eine Hand voll) selbst schon in Schwierigkeiten stecken und die ersten 1000 Kreditnehmer garantiert den aufgenommenen Kredit per Handy nicht zurückbezahlen, ferner es auch schlicht nicht können. Des Weiteren melden diese SMS-Kreditfirmen dies jedoch in der Regel nicht der in Estland mit Deutschland vergleichbaren Schufa, weil diese darauf hoffen, dass die Kreditnehmer bei einer anderen Firma einen neuen SMS-Kredit aufnehmen, um ihren Kredit damit zu zurück bezahlen.

    Ich denke da kommt noch gerade mit den SMS-Krediten Einiges auf Estland zu. Ein Verbot wäre da in der Tat angebracht. In den meisten europäischen Ländern sind SMS-Kredite auch verboten (worden), oder gar nicht erst zugelassen gewesen.

    Estnische Banken, wie Hansapank, SEB etc. geben auch mittlerweile keine Kredite mehr an SMS-Kreditnehmer aus, d.h. wenn, dann nur mit sehr hohen Zinsen (ca. 16%). SMS-Kreditnehmer versauen sich somit auch noch die Vertrauenswürdigkeit der regulären Banken.

    Es wird wohl so kommen wie in Finnland: SMS-Kredite werden verboten und dann wird es staatlich subventionierte günstige Kredite bei den regulären Banken geben, die für die Rückzahlung dieser Schulden vorbehalten sind.

    Und Credit 24 feierte gerade dieses Wochenende in einem Werbespot über 10.000 glückliche Kunden zu haben. Wenn man dann noch die 20-30 anderen SMS-Kreditfirmen dazu addiert, wie SMSLaen etc. hat entweder fast jeder Este bereits mindestens einen SMS-Kredit an der Backe oder aber weitaus Wenigere haben gleich Mehrere davon und sich bis aufs Knochenmark hoffnungslos verschuldet.

    Weitere Probleme habe ich bei der Zahlungsmoral von Autokäufern gehört (besonders bei Händlern die Autos eher im Luxusklassenbereich verkaufen, z.B. der Marke Lexus).

    Schlimm dürfte es allerdings sein, wenn aufgrund solcher Kredite dann die Zwangsauktion des Eigenheimes ansteht (ob nun der Kredit hierfür noch bezahlt wird, oder nicht), denn die Immobilienpreise sind im Kellerflug und dürften oft nichtmal die Rückzahlung aller Kredite decken.

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  2. P.S.: Zum Tazblog-Artikel "Geld borgen per SMS" sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch in den Niederlanden mittlerweile SMS-Kredite verboten sind, d.h. im Sinne der hohen Bezinsung (bzw. als "Bearbeitungsgebühr") versteht sich, und somit in den Niederlanden auch die SMS-Kreditgeber sich aus dem Geschäft wieder zurückgezogen haben.

    Wie sieht das eigentlich gegenwäritg in Schweden aus? In Finnland sind SMS-Kredite auch nicht mehr möglich (wo diese Idee ursprünglich herkam).

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  3. Korrektur: Credit24 feiert derzeit über Hunderttausend Klienten zu haben, nicht 10 000.

    Credit24 ist ja schon durch die Muttergesellschaft Mobile Credit Baltic börsennotiert.

    Wer sich die Grafik zur Preisperformance auf der folgenden Seite anschaut, kommt augenscheinlich zu dem Schluss, dass das Vertrauen in dieses Geschäftsmodell langsam zu schwinden droht (naja, bei den paar Trades kommt man ferner zu dem Schluss, dass die Bereitschaft in solche Firmen zu investieren, äusserst gering ist):

    http://www.londonstockexchange.com/en-gb/pricesnews/prices/system/detailedprices.htm?sym=GB00B1LD2G45GBGBXAIM%20B1LD2G4MCRB

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  4. Noch was Anderes. Der Spiegel berichtet gerade in einem aktuellen Artikel über einen harten Kursverlust der News Corp:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,547744,00.html

    Das ist in sofern auch für Estland von Bedeutung, da bekanntlich auch in Estland das Murdoch Imperium auf dem Medienmarkt mitmischt (Sky (Plus) und Energy FM z.B. sollte jedem in Estland bekannt sein).

    Es ist aber nur ein kleines aktuelles anschauliche Beispiel dafür, wie abhängig Estland von ausländischen Investoren ist (In Estland gibt es ja auch nur eine handvoll inländischer börsennotierter Unternehmen).

    Und Einigen geht es davon nicht gut, dazu zählen eben nicht nur Banken.

    Und ratet mal in welchen Ländern diese Unternehmen als erstes ihre Investitionen zurückziehen werden, wenn das Geld knapp wird? Bestimmt nicht in den Hauptmärkten.

    Das Problem ist nur, Estland ist für die meisten ausländischen Investoren kein Hauptmarkt, sondern besonders bei Unternehmen internationaler Grösse bestenfalls ein Randgeschäft, welches sich im Zweifel mit wenig Magenschmerzen schnell abstossen lässt.

    Estland ist von daher auch abhängiger von der internationalen Marktentwicklung als die meisten anderen europäischen Länder.

    Das gilt prinzipiell auch für die anderen so genannten Baltikstaaten.

    In Moment scheint einfach nicht die Zeit für gute Wirtschaftsnachrichten zu sein. :S

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  5. Kloty, seit genau Dezember letzten Jahres gibt es auch in Estland unbestreitbar ein wirtschaftliches Problem, aber immerhin ist für diese Jahr noch ein leichtes Wachstum zu erwarten, nicht höher, nicht niedriger, als in anderen europäischen Ländern.

    Aber, man muss halt sehen wie es nach diesem Jahr weiter geht (dieses Jahr ist wohl bereits abgeschrieben). Interessant ist für Estland vor allem, was sich auf internationaler Bühne bewegt.

    Und da gibts halt ein paar Probleme, die Sorge bereiten, vor allem durch die verhauene Bilanzen der Banken durch den so genannten Subprime Markt.

    Die hohe Neuverschuldung der estnischen Bevölkerung lässt auch nicht gerade auf eine schnelle Entspanntheit des Marktes schliessen.

    Aber ich bin trotzdem optimistisch, dass nach dem Schock der ersten "sanften" Landung der Wiedergründung Estlands auch wieder in die Hände gespuckt und neu abgehoben wird :)

    Eine typisch deutsch-depressive Haltung gegenüber der Zukunft wäre hier fehl am Platz und ist auch nicht hilfreich und verstärkt noch psychische Wirksamkeit einer möglichen Lähmung des Marktes.

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  6. So sehen übrigens die Commercial der SMS-Kreditgeber aus:

    "piiks-piiks, ja raha tuleb (piiks-piiks und Geld kommt)"

    Die Agentur hat für diesen Spot sogar einen internationalen Medienpreis gewonnen.

    Hergestellt werden die Commercials von "Revolver", z.B. für SMSlaen.

    Demnächst kommt ein neues Commercial raus, welches sogar schon für Freunde nach dem Schnellballsystem für SMS-Kredite werben soll:

    http://www.revolver.ee/smslaen/Sequence%201-sober%20EST-MPEG-1%20.mpg

    In Deutschland wäre diese Art von Werbung wahrscheinlich als sittenwidrig zu bezeichnen.

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  7. So, ich hab jetzt mal ein paar Betroffene ausgemacht, die auf SMS-Kredithaie reingefallen sind und Schwierigkeiten mit der Rückzahlung bei diesen Unternehmen haben (was nicht einfach war, da trotz der hoch geschätzten Anzahl von mindestens 60,000 Betroffenen die Schammesslatte sehr hoch ist, so dass kaum jemand bereit ist, offen darüber zu reden).

    Ich habe dann auch in folgedessen ein paar Beispiele erhalten, mit welchen Praktiken die Betreiber von SMS-Krediten, die Kreditnehmer unter Druck setzen (per SMS-Mitteilungen und/oder per E-Mail):

    "Tere,

    Teie laenu maksetähtaeg on ületatud. Palume
    tasuda võetud laen.

    Laenu mittetasumisel 1 päeva jooksul oleme
    sunnitud lisama Teid võlglaste nimekirja ning
    alustama Inkassomenetlust.

    Vabandame, kui olete äsja tasunud või pikendanud
    laenu.

    Sinu Smskiirlaen.ee"

    "Tere,

    Teie laenu maksetähtaeg on käes. Palume tasuda
    võetud laen või pikendage oma laenu meie
    kodulehel!

    Laenu mittetasumisel 2 päeva jooksul oleme
    sunnitud lisama Teid võlglaste nimekirja ning
    alustama Inkassomenetlust.

    (...)

    Vabandame, kui olete antud kirja varem juba
    korduvalt saanud.

    Sinu Raha24.ee"

    Ich habe jetzt nicht die Zeit diese Mitteilungen wortwörtlich zu übersetzen, aber im Grunde genommen fordern alle Mitteilungen die sofortige Überweisung der Kreditsumme, inklusive Zinsen und Verzugszinesn innerhalb von 1-2 Tagen ein und ansonsten wird mit Inkasso gedroht. Eine firma hatte sogar dem Empfänger so eine "Erinnerungs-Mitteilung" mit 500 Kronen in Rechnung gestellt.

    Hierzu sei anzumerken, dass diese Praktiken illegal sind und gegen zivile und ethische Gesetze verstösst, die besagen, dass Geschäfstprozesse nicht gegen die guten Sitten verstossen dürfen, sowie auch in Estland Mindestfristsetzungen von 14 Tagen einzuhalten sind.

    Des Weiteren sollen diese Mitteilungen ohne Rechnungstellung kommen, in der alle entstandenen Kosten und Folgekosten hätten aufgelistet werden müssen, ansonsten sind diese Mahnungen nämlich null und nichtig.

    Alle diese oben genannten Unternehmen hätten ihr Geschäft bis spätestens 15. Juni amtlich registrieren müssen, was bisher nur Eines SMS-Kreditunternehmen bisher getätigt hat und somit nach Aussagen des Finanzministers Lelo Liive illegal die Geschäfte fortführen.

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