Montag, Januar 19, 2026

Hiiumaa - geordnet und sortiert

In Estland findet sich wunderbare Natur, manchmal endlos erscheinende Wälder, ökologisch wertvolle Sümpfe und Küstenzonen, und nicht zu vergessen: viele Inseln. Und Estland hat ein "Klimaministerium". Dort werden offenbar ganz spezielle Pläne für die Insel Hiiumaa vorbereitet. 

Schutz mit Konzept 

Menschen, die Natur und Umwelt schützen und erhalten wollen, ist die Fragestellung im Naturschutz vielleicht wohl bekannt: welche Art ist wichtig, welche weniger? Welche Pflanze darf wachsen, welche anderen müssen verdrängt oder vernichtet werden? Regelt die Ökologie, also die Beziehungen von Lebewesen untereinander und zu ihrer unbelebten Umwelt, alles selbst? Gleicht sich in diesen Beziehungen alles gegenseitig immmer wieder aus, hält es sich die Waage, oder muss es gesteuert werden? Was tun, wenn allgegenwärtige Möwen die Küken seltener Seeschwalben aus dem Nest rauben? Oder wenn Bäume und Büsche in der Heide wachsen? Dann haben oft Möwen wie auch Bäume einen schlechten Stand. 

Tierische Invasion 

Eine ähnliche Fragestellung entstand offenbar auf der Insel Hiiumaa. Dort gibt es zu viele Hunde. Nein, nicht jene, die als bester Freund des Menschen gelten, sondern in diesem Fall geht es um "Nyctereutes procyonoides", deutsch "Marderhund" genannt (estnisch: "kährik"). Seit 1962 auch in Deutschland bekannt, heimisch eigentlich in Ostsibirien, Japan und Nordchina. In der UdSSR seien sie als Pelztiere gehalten worden, heißt es, und breiteten sie sich von dort aus nun nach Westen aus. Der deutsche Naturschutzbund (NABU) bezeichnet den Marderhund als nicht gefährdet, lehnt aber eine Freigabe zur Jagd ab. Das "Bundesamt für Naturschutz" stuft ihn als potenziell invasive Art ein, da vermutlich heimische Arten gefährdet seien und der Marderhund Krankheiten und Parasiten übertragen kann. Und der Jagdverband wirbt natürlich für eine Eingrenzung dieser Ausbreitung durch Jagd. 

Für die Insel Hiiumaa kann man wohl sagen: der Marderhund ist nicht willkommen. "Estland plant, alle Marderhunde auf der Insel Hiiumaa zu vernichten", so die Schlagzeile in der estnischen Presse (ERR / Eesti Ekspress ). Kostenlos ist die Aktion nicht: für einen Zeitraum von zehn Jahren wurden offenbar 200.000 Euro für das Projekt bewilligt. Als Begründung wird „Verringerung der von invasiven gebietsfremden Arten besiedelten Flächen um 900 Quadratkilometer“ und „die Entfernung von Marderhunden aus Hiiumaa“ angegeben. Timo Kark, Leiter der Abteilung Biodiversität des Klimaministeriums, argumentiert mit einem Rückgang bestimmter Vogelpopulationen: 86% aller bodenbrütenden Arten seien von Nesträubern geschädigt. Fotos von Tätern "auf frischer Tat" gibt allerdings keine. 

Mützenlieferant 

Der erste Marderhund wurde in Estland bereits 1938 gesichtet, so ist es bei "Looduskalender" nachzulesen. 10 Jahre später sei ein Marderhund in Estland schon regelmäßig anzutreffen gewesen. Und im Jahr 1950 seien sogar 86 dieser Tiere absichtlich ausgesetzt worden, wie es heißt, "als Bereicherung der Natur und als Pelzquelle." Noch in den 1980iger Jahren seien Menschen in Estland gern mit "Marderhund-Fellmützen" herumgelaufen. Und an derselben Stelle sind auch Aussagen wie diese zu finden: " Aus seiner früheren Stellung als geschützte Art hat sich heute eine unerwünschte Art entwickelt, deren Bestand auf ein möglichst geringes Maß reduziert werden sollte, am besten sogar ganz auf Null." Und dann noch: "Auf der langen Liste der Vergehen der Marderhunde stehen der Rückgang der bodenbrütenden Hühnervögel und die Ausbreitung von Tollwut und Krätze (Räude). Wie viele Marderhunde derzeit in unseren Wäldern und an den Küsten leben, kann niemand genau sagen. Aber man kann sagen, dass es noch nie so viele waren wie heute." (looduskalender)

Nun ja, Marderhunde halten sogar Winterschlaf (für Hunde einzigartig) - allerdings offenbar nicht durchgehend, sondern immer mal wieder einige Tage. Wenn sie dieses Jahr aufwachen, müssen sie, wohl nicht nur auf Hiiumaa, sofort "ausgeschlafen" sein, um Nachstellungen zu entgehen. Ein Veranstalter für Jagdreisen nach Estland wirbt mit dieser Formulierung um Teilnehmer: "Ob Sie ein erfahrener Jäger sind, der eine neue Herausforderung sucht, oder ein Anfänger, der einen spannenden Einstieg in diesen Sport sucht – die Marderhundjagd hat für jeden etwas zu bieten. Die Kombination aus strategischer Fährtenlesung, ethischen Jagdpraktiken und atemberaubenden Landschaften sorgt für ein unvergessliches Erlebnis." Dort wird auch dafür geworben, im Winter zu jagen, denn dann sei das Fell des Marderhundes besser. 

Vögel haben Hundefrei

Das estnische Klimaministerium argumentiert so: "Ein Pilotprojekt an fünf Küstenwiesenstandorten zeigte, dass die Jagd auf Raubtiere dazu beitrug, die Überlebensrate von Watvogelküken in den Gebieten Haeska und Põgari im Matsalu-Nationalpark zu verbessern und die angestrebte Erfolgsquote von 40 Prozent zu erreichen – ein Niveau, das den Erhalt der Vogelpopulationen ermöglicht." (ERR) Dort wurden innerhalb von drei Jahren 169 Füchse, 22 (Gold-)Schakale und 154 Marderhunde zur Strecke gebracht. 
Bekannt sei außerdem, dass nur ein einziger Marderhund, der sich auf die Insel Kumari verirrt hatte, innerhalb weniger Monate die Populationen sowohl der Grasfrösche als auch der Kreuzkröten ausgerottet habe. Und insgesamt seien während der vergangenen Jagdsaison 4285 Marderhunde erlegt worden. Marko Vinni, Berater der Estnischen Jägerschaft, schätzt, dass es auf Hiiumaa etwa 2.500 Marderhunde gibt. (ERR

Während dessen informiert Reiseveranstalter "AktivEst" glückliche Naturfreund/innen über "das Erfolgsgeheimnis des Marderhundes": "Fruchtbarkeit, Flexibilität und Monogamie". Schnieder-Reisen wirbt mit dem Marderhund als Beobachtungsobjekt in Estland als "unbekannter, aber nicht weniger spannend". Und eine Reporterin der "Welt" berichtete 2021 von einsamen estnischen Wäldern und niedlichen Marderhunden. "Bei uns sind die Tiere sicher" hatte ihr Triin Asi, Biologin im Nationalpark Alutaguse versichert. Vielleicht wird sie demnächst dann anderen Besucher/innen erklären: "Wir sind hier doch nicht auf Hiiumaa!" 

Donnerstag, Januar 08, 2026

Such, such: Präsident!

In Estland geht in diesem Jahr die 5-jährige Amtszeit von Präsident Alar Karis zu Ende. Gewählt wird der Präsident (oder die Präsidentin) Estlands, ähnlich wie in Deutschland, vom Parlament (siehe valimised). Eine zweite Amtszeit, wie sie zuletzt Präsident Ilves hatte (2006-2016), ist möglich. Allerdings: bisher sieht es so aus, als ob Karis keine Chance auf eine zweite Amtszeit hat. 

Die Zeit ist um 

Auch 2021 war es schon ähnlich: Präsidentin Kersti Kaljulaid wäre für eine zweite Amtszeit bereit gewesen, hatte aber keine Aussicht auf eine Parlamentsmehrheit. Immer schon gab es in Estland Befürworter für eine Direktwahl - dass also Präsidentin oder Präsident von allen Wahlberechtigen gewählt werden können. Momentan braucht jede Kandidatin oder jeder Kandidat sogar ein Fünftel aller Abgordneten nur für die Nominierung: das schafften 2021, neben Kaljulaid, noch vier weitere Möchtegern-Kandidaten nicht. 

Mit Jahresanfang hat die Debatte begonnen, welche Partei eigene Kandidatinnen oder Kandidaten benennen möchte. Toomas Uibo, Chef der Fraktion "Eesti200" im Parlament, wird mit der Aussage zitiert, er wünsche sich eine breite Debatte im Parlament. Urmas Reinsalu, Chef der Vaterlandspartei "Isamaa", befürchtet, die Reformpartei könne einen "gefügigen" und regierungsfreundlichen Präsident installieren wollen. "Die Reformpartei wird alles tun, damit wir einen starken Präsident bekommen, kompentent besonders in der Sicherheits- und Außenpolitik", antwortet Õnne Pillak, Vorsitzende der Reformpartei. (err)

Wunschzettel und Parteitaktik 

Sagen solche Wünsche etwas darüber aus, was den Parteien beim amtierenden Präsidenten fehlt? 2021 habe es einen Mangel an geeigneten Kandidaten gegeben, deshalb sei nur Karis nominiert und dann auch gewählt worden, heißt es. Gegenwärtig regiert eine Koalition aus "Reformpartei" und "Eesti200". Bis jetzt gilt wohl der alte Grundsatz: werden konkrete Namen zu früh genannt, ist die Person "verbrannt". Auffällig nur, dass dem amtierenden Präsidenten irgendwie die Unterstützung fehlt. 

Auch Parteitaktik könnte die Präsidentenwahl prägen. Denn sollten die Kandidaten oder Kandidatinnen im Parlament nicht die notwendige Mehrheit bekommen (68 von 100 Stimmen sind nötig), geht der Prozess über auf ein Wahlgremium, dem dann zusätzlich noch Mitglieder aus Städten und Gemeinden, sowie den Regionen angehören. Dort hätte dann die "Isamaa", die in Umfragen gegenwärtig sehr gut abschneidet, eine bessere Repräsentation als im jetzigen Parlament. 

Noch kein weißer Rauch in Sicht 

„Präsidentschaftswahlen sind ein bisschen wie die Wahl eines Papstes", meint - ausgerechnet im wenig religiös ausgerichteten Estland - Tarmo Jüristo, Kolumnist und politischer Kommentator. "Man muss einen Kandidaten finden, der die wenigsten Widersprüche hervorruft. Wenn jemand einen Kandidaten entschieden ablehnt, ist das für diese Person ein großes Problem.“ (err

Also: eine Person ohne "Ecken und Kanten"? Ob das auch im Sinne der Estinnen und Esten wäre? Bei seiner Neujahrsansprache sagte Karis: "Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts liegt fast hinter uns. Was sollten wir mit in die nächsten 25 Jahre nehmen?" (err) Bei so einer weitsichtigen Perspektive - da sind sicher auch die nächsten 5 Jahre schnell vorüber.