Mittwoch, Dezember 24, 2025

Unfriedlich

Es gibt nur wenige Menschen in Estland, die angesichts eines Krieges im Nachbarland irgend einen "Weihnachtsfrieden" erwarten. Aber es gibt noch einen anderen Bereich, wo es in Estland derzeit "unfriedlich" zugeht.

Nervosität im Tank 

Es ist der ungewohnte Preiskrieg an den Tankstellen. Denn jahrelang gab es da keine Unterschiede: ob Autobesitzer in Tallinn, Tartu, Narwa oder Otepää nachtanken. Es sah fast so aus wie heimliche Preisabsprachen - alles bis auf den Zehntel-Cent gleich. Und wenn sich mal etwas änderte, war die Suche nach preislichen Alternativen vergeblich: alle passten sich innerhalb kurzer Zeit an. Die zunehmende Umrüstung der Tankstellen auf automatischen Betrieb wurde dafür von den Betreibern als einer der Ursachen angegeben. 

Doch jetzt ist alles anders. Ausgelöst im September durch die Entscheidung einer einzelnen Firma, einen "Preiskrieg" zu entfachen. Das Unternehmen "Neste" senkte die Preise auf ein Rabattniveau, das bisher nur für treue Kund/innen galt. 

Die kraftstoffvollen Fünf 

Der estnische Kraftstoffmarkt ist sehr klein – der Verbrauch von Benzin und Dieselkraftstoff macht nur etwa ein halbes Prozent des Gesamtverbrauchs der Europäischen Union aus. Fünf Firmen stehen für etwa 85% des Marktes: "Circle K", "Neste", "Olerex", "Alexela" und "Terminal". 

"Neste" veröffentlichte im September einen neuen, einheitlichen Benzinpreis, und nun sehen Autofahrer und Autofahrerinnen in Estland bisher Ungewohntes: Preisunterschiede von einer Tankstelle zur nächsten. Der Benzinpreis sank zunächst um bis zu 11 Cent pro Liter, an einigen Stellen sogar noch mehr. Der Durchschnittspreis für 95-Oktan-Benzin sank von 1,62 Euro im August auf 1,44 Euro im Oktober. Bei Diesel ging es runter von 1,47 Euro auf 1,31 Euro. Es gab Tage, an denen Kraftstoff noch billiger war, und einige Unternehmen mussten zugeben, dass sie ihn an manchen Tagen unter Selbstkostenpreis verkauften; es gab Preisunterschiede bis zu 30 Eurocent von einer Woche zur anderen. (err) Nun entscheidet offenbar jede Tankstelle selbst: auch im Dezember hielt der Preiskampf immer noch an - mit Schwankungen bis zu 20 Cent an verschiedenen Tankstellen ein und derselben Marke. Bei "Alexela" soll es schon einen Brief an alle Beschäftigten gegeben haben, der "harte Entscheidungen" ankündigt. (err

Tanktouristen und Bilanzen 

Hinzu kommt noch ein anderer Effekt: Litauische Fernfahrer tanken mittlerweile in Estland, da die Dieselsteuer in dem nördlichsten baltischen Staat derzeit deutlich niedriger ist: in Litauen liegt der Steuersatz pro Liter derzeit bei 0,520 €, in Estland sind es 0,428 €. Auch wenn die Verbrauchsteuern auf Kraftstoffe in Estland sowohl 2026 als auch 2027 steigen sollen, werden sie voraussichtlich günstiger bleiben als in den unmittelbar südlich gelegenen Nachbarländern. Es stehen Preisunterschiede von bis zu 14 Cent in Aussicht. (err)

Momentan sind die Preise wieder etwas gestiegen - aber der Preiskampf bleibt vorerst. Von "Neste" wird am ehesten angenommen, dem Preisdruck standhalten zu können - denn das Unternehmen verfügt über eine eigene Raffinerie in Finnland. Schwieriger könnte es für drei lokale estnische Unternehmen werden, die ihren Kraftstoff hauptsächlich von der polnischen Firma Orlen aus deren Ölraffinerie in Litauen beziehen. Kurzfristig sind Verbraucherinnen und Verbraucher die Gewinner - allerdings nicht überall: in weniger bevölkerten Regionen, in denen es wenig oder gar keine Konkurrenz gibt, sind die Preise jetzt höher als in dicht besiedelten Gebieten. Längerfristig wird sich das Preisniveau konsolidieren, und die Firmen werden dann versuchen, ihre Verluste auszugleichen. (IR)

Derweil ist der Absatz von Autos in Estland, in Folge verschiedener Steuererhöhungen, zuletzt drastisch gesunken. Ein Minus von 64% im Vergleich zum Vorjahr wurde im November 2025 gemeldet. Für das gesamte Jahr 2025 wurde der Verkauf von 11.872 Neuwagen verzeichnet - davon 24,5% mit Verbrenner-Motoren und 62,6% Hybrid-Fahrzeugen. Der Anteil von Elektro-Autos lag bei 5,5%  (err). 

Dienstag, Dezember 23, 2025

Festtagstrunk

Was trinken Estinnen und Esten zu Weihnachten? Zumindest auf der Insel Saaremaa ist man überzeugt: wir trinken unser Weihnachtsbier! Und damit nicht genug: der Verein für Volkskultur von Saaremaa setzt sich dafür ein, das Saaremaa-Hausbier sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes Estlands aufzunehmen.

Auf Estlands größter Insel Saaremaa war es einmal Tradition, Weihnachtsbier aus Wasser, Hefe, Hopfen und Malz zu brauen. Aber heutzutage kommt nur noch selten "Selbstgebrautes" auf den Weihnachtstisch. Peeter Laum ist einer der letzten, der diese Tradition am Leben halten möchte, sagt er. Laum, ehemals Chef seiner eigenen Bootwerft, baute auch schon mal Wikingerschiffe nach, oder lädt pensionierte Fischer zu Traditionstreffen ein. 

Tradition und Handwerk

„Ich kann sagen, dass meine Vorfahren und Großeltern mit denselben Werkzeugen Bier gebraut haben", erzählte Laum der "Aktuellen Kamera" des estnischen Fernsehens. (err
"Ich benutze auch dieselben Geräte," sagt er. Dann füllt er sein Bier in Holzfässer ab. "Es sollte bis Lichtmeß, also dem Ende der Weihnachszeit reichen - wenn man es nicht vorher austrinkt," sagt der Inselbrauer schmunzelnd. (err

Aber mit seinen Bierbrauerrezepten ist er offensichtlich nicht allein. Auf verschiedenen Internetseiten sind entsprechende Anleitungen zu lesen, um "Jõuluõlle" herzustellen. "Selbstgebrautes Bier verbindet Handwerkskunst, Naturverbundenheit und Weihnachtsstimmung" (maarahvapood

Ein Foto aus estnischen Archiven:
Lieferung von Weihnachtsbier an 
den Nachbarn zum Probieren (folklore.ee)
Als Zutaten werden Zimt, Nelken, Sternanis, Orangenschalen, Ingwer und Honig empfohlen, dazu als "individuelle Note" noch Kräuter aus deinem Garten – zum Beispiel Rosmarin, Thymian oder Zitronenmelisse. Einige Bauern, die ihr Bier besonders reichhaltig brauen wollten, sollen früher auch noch Roggenmehl und Wacholderbeeren hinzu getan haben. Gutes Weihnachtsbier galt in früheren Zeiten, nicht nur auf Saaremaa, als Zeichen des Wohlstands, heißt es.

Nach Mitsommer kommt Weihnachten, wenn wieder Bier gebraut wird - auch so könnte eine estnische Kalenderregel lauten. Auf der Webseite des Estnischen Folklorerats werden Tricks von der Insel Hiiumaa verraten: "Wenn man ein brennendes Streichholz an das Bier halten kann, ist die Gärung beendet." 

Gekauft, oder selbst gemacht? 

Wohl bekommt's! Ob es in Estland wirklich an privaten Bierbrauern mangelt? Bei "Postimees" ist noch ein "Weihnachtsbiertest" aus dem Jahr 2021 zu sehen (es testen vorwiegend Frauen). Demnach gibt es viele Sorten im Handel. Was wird hier verkostet? Ob "Jõuluõlle" wirklich auch aus der Dose schmeckt? Und müssen es unbedingt Sorten wie "Apfelsine-Schokolade" oder "Champagner-Ale" sein?  Ein genereller Mangel an Weihnachtsbier kann es also nicht sein, was einen Mensch wie Peeter Laum antreibt. Aber wer selbst braucht - muss nicht in den Laden gehen.