Sonntag, Januar 06, 2008

Ein Zeitungs-Archiv

Zugegeben, ich bin ein Zeitungsnarr oder englischsprachig genannt ein Geek. Schon als Teenager hat mich die Wochenzeitung DIE ZEIT magisch angezogen. Vielleicht wegen des Formats oder der Länge der Artikel. Das Lesen wurde mit rituellen Handlungen vollzogen. Zum Beispiel das Benutzen eines Atlanten nebenbei, wenn es um andere Länder ging. Die ersten Jahre habe ich auch nicht alles verstanden,was geschrieben wurde. Aber man lernt dazu.
1988 hatte ich zwar eine Ahnung, was Estland bedeutet, aber über die aktuellen Lebensverhältnisse, das Leben dort, hatte ich keinen blassen Schimmer. Im Oktober 1988 erschien dann : "Drei verratene Völker" von Karl-Heinz Janßen. Eigentlich hatte ich die drei Staaten abgeschrieben, die Sowjetisierung schien unaufhaltsam voranzuschreiten. Seit diesem Artikel am 7. Oktober 1988 war alles anders. Ab da stand fest, dass ich möglichst bald dorthin muss,was ich aber erst drei Jahre später tatsächlich geschafft habe.

Warum das Thema DIE ZEIT? Ganz einfach, sie haben das Archiv bis zu den Anfängen 1946 zur Internetrecherche freigegeben. Die frühen Artikel über Estland sind noch nicht richtig eingegeben, sie haben viele Wortfehler. Aber die Artikel lassen manche Dinge wieder deutlicher hervortreten. Zum Beispiel die Konsequenzen der Nichtanerkennung der sowjetischen Einverleibung der drei baltischen Staaten. Denn die Konsulate im UK und USA arbeiteten weiter. Wer Este war und Flüchtling, ließ sich dort gültige Papiere ausstellen, die weiterhin als Reisedokumente anerkannt waren. Im Westen.

Diplomaten von denen niemand mehr spricht 1968
Aber obwohl die baltischen Exzellenzen keine Steuern zahlen, müssen sie jeden Penny mehrmals umdrehen, ehe sie ihn ausgeben. In der Bank von England hegen wohl mehrere Millionen Pfund, die seinerzeit von Litauen, Lettland und Estland hier deponiert wurden; aber da die Rechtslage ungeklärt ist, können diese Fonds nicht angerührt werden. Ein neuer Plan, die Gelder zur Entschädigung britischer Staatsangehöriger heranzuziehen, die Vermögenswerte in der baltischen Staaten verloren haben, stößt auf heftigen Widerstand. Die drei Missionen werden,abgesehen von gewissen privaten Geldzuwendungen, von den ihnen entsprechenden Gesandtschaften in Washington finanziert, die sich solch« Großzügigkeit leisten können. Die amerikanische Regierung hält nämlich, zum Unterschied von der britischen, an der Fiktion fest, daß die Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens nicht nur de 'jure sondern auch de facto weiterbesteht, und zeigt sich daher in der Behandlung der baltischen Fonds weitaus entgegenkommender als die Engländer.



Oder noch früher 1949:
Es begann vor zehn Jahren: Nachruf auf Estland, Lettland und Litauen
Ende September 1939 wurde der estnische Außenminister Selter mit seiner Frau nach Moskau eingeladen, den Vertrag zu unterzeichnen. Wenige Stunden nach seiner Ankunft im Kreml schickte er jedoch ein Telegramm nach Reval, die Regierung solle bis zu seiner Rückkehr nichts unternehmen. Der geheimnisvolle Inhalt des Telegramms erklärte sich bald. Radio Moskau meldete noch am gleichen Abend, der russische Dampfer -Metallist" sei in der Ostsee von U-Booten torpediert worden, die von Basen an der estnischen Küste operierten. (Der „Metallist" besuchte einige Monate später wohlbehalten den Revaler Hafen.) Als Selter am 25. September zurückkam, mußte er seiner Regierung mitteilen, daß Molotow und Mikojan vom Handelsvertrag gar nicht gesprochen hatten, sondern nur auf die Unhaltbarkeit der politischen Verhältnisse hingewiesen hätten. Die Sowjetunion sähe sich genötigt, ihren Schutz in der Ostsee selbst zu übernehmen.


In diesem archivierten Artikel wimmelt es von Übertragungsfehlern, aber zitiert sei diese Passage:
Was diese Völker jedoch erwarten können — und dank der veränderten politischen Konstellation vielleicht erwarten dürfen — ist ein gerechter Nachruf, eine Revision jener aus bedenklichem Opportunismus geborenen These, daß die Existenz dieser Länder als unabhängige Staaten ein „historischer Irrtum" gewesen sei.

Kurz bevor der letzte estnische Staatspräsident, Päts, in die Verbannung geschickt wurde, aus der er nicht mehr zurückkehren sollte, äußerte er zu Freunden: „Unser Unglück ist. daß wir zu wenige sind." Bis ein besserer geschrieben wird, soll dies als Nachruf gelten.
1947

Kommentare:

  1. vielen dank für den beitrag.der sonntagnachmittag ist gerettet! :)

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  2. Gerade dieser Artikel, den ich oben von 1988 genannt habe, ist nicht im Archiv auffindbar. Vielleicht liefern sie das noch bei DIE ZEIT nach.
    Karl-Heinz Janßen ging dort auch auf die Vorgeschichte der Verträge mit der SU ein. Der Vorfall mit dem Uboot Orzel aus Polen. Darüber haben wir mehrmals gepostet. (Oben im der Suchfunktion "Blog Dursuchen" Orzel eingeben)

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