Dienstag, März 01, 2011

Estland sieht sich selbst

„Eile nägin ma Eestimaad“, sang Urmas Alender mit der Gruppe Ruja in den 80ern.

Das Mitglied der Estnischen Akademie der Wissenschaften, Endel Lippmaa erklärte jüngst in der Öffentlichkeit, Estland sei kein baltischer Staat (mehr). Lippmaa kommt eigentlich aus dem naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich, engagierte sich aber während der Umbruchszeit politisch, war Minister und Abgeordneter der aus der ehemaligen Volksfront hervorgegangenen politischen Kräfte, ist also kein Nationalist.

Lippmaa argumentiert, daß die Politik in Estland eher der in Skandinavien realisierten gleiche als jener in den beiden südlichen Nachbarrepubliken Lettland und Estland.

Die Abgrenzung von diesen beiden anderen früheren Sowjetrepubliken, mit denen man gemeinsam im Ausland eben gern als das „Baltikum“ gesehen wird, ist nicht neu. Der jetzige Präsident Toomas Hendrik Ilves war in verschiedenen Regierungen zwei Mal Außenminister und hat in dieser Dienstzeit ebenfalls erklärt, Estland sei kein ost-, sondern ein nordeuropäisches Land. Osteuropa wurde hier verstanden als Synonym für den post-sozialistischen Raum.

Das Baltikum hat sich im deutschen Sprachraum erst im 19. Jahrhundert eingebürgert und lehnt sich an die lateinische Bezeichnung der Ostsee als Mare Balticum an. Auf Lettisch und Litauisch heißt dieses Gewässer auch Baltijas Jūra sowie auf Englisch Baltic Sea und Russisch Балтийское море. Daß die Deutschen wiederum von der Ostsee und die Schweden von Östersjön sprechen, überrascht geographisch so wenig wie der estnische Name Läänemeri, also Westmeer. Auch ist es zutreffend, daß vom Baltikum als dem geographischen Siedlungsraum der Balten sprechend, die finno-ugrischen Esten nur bedingt einschließt. Ironischerweise spricht das dem Estnischen eng sprachverwandte Finnisch von Itämeri, eben Ostsee.

Dennoch handelt es sich bei diesen Versuchen fraglos um eine Imagefrage. Daß Estland ein post-sozialistisches Land ist, ist eigentlich unbestritten. Und wie sehr vielen Esten daran gelegen ist, dies vergessen zu machen, ließ sich an einem weiteren Versuch von Eerik-Niiles Kross erkennen. Der Sohn des bekanntesten Gegenwartschriftstellers Estlands, Jaan Kross, hatte in seiner Zeit als Direktor des Büros für Sicherheitspolitik gefordert, Estland auf Englisch von „Estonia“ in „Estland“ umzubenennen, weil bei seinen Auslandsbesuchen immer alle Gesprächspartner die 1994 gesunkene gleichnamige Fähre ansprächen. Darüber hinaus schlug er damals vor, die von einer Studentenverbindung stammende Landesflagge blau-schwarz-weiß von einer Trikolore in ein wie in Skandinavien übliches Kreuz unter Verwendung der gleichen Farben zu ändern. Diese Anregungen stießen jedoch nicht auf fruchtbaren Boden.

Zweifelsohne wird Estland ein „baltischer“ Staat bleiben und die Staatssymbole werden wohl auch nicht geändert. Viele andere Staaten hat dies ebenfalls nicht an einer mittelfristigen Veränderung ihres Images gehindert. Endel Lippmaa blieb übrigens die Erklärung schuldig, wo er in Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik so viele Ähnlichkeiten zwischen den skandinavischen Staaten und Estland sieht.

Kommentare:

  1. Bezogen auf den letzten Absatz könnte ein Kommentar von moevenort folgen. Selbstverständlich ist Estland wie hier dargestellt auch von der Policy-Seite her gesehen kein skandinavischer Staat, verfügt aber im Gegenteil zu Lettland über ein stabiles System von Sozialversicherungen.

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  2. Ich kann mir vorstellen, dass die Umformung von Sini-Must-Valg in eine Kreuzflagge auf Befremden trifft. Schließlich würde das sofort an den deutschen Ritterorden, an die erzkonservativen Kreise gemahnen, die mit der estnischen Republik wenig am Hut hatten, der feudalen Zarenzeit nachweinten und von den Esten als "rührenden Leuten" sprachen.
    Die Streifenflagge ist dagegen angenehm säkular. Sie ist das Symbol für die wiedergewonnene Freiheit, nach der sich die Menschen während der Sowjetzeit so sehr gesehnt haben, im Land ebenso wie im Exil.
    So habe ich es in meiner Kindheit erfahren.

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  4. Stimmt, da ich kein Historiker bin, ist mir der Ritterorden nicht gleich in den Sinn gekommen.
    Es gibt ja Leute, die die Farbkombination der estnischen Flagge trist finden. Ich teile das Urteil eines mit Estland überhaupt nicht verbandelten Freundes, daß die estnische Flagge eine der schönsten der Welt ist.
    Die litauische ist mir persönlich zu bunt, und dort gibt es ja auch Bestrebungen, die ahistorische Trikolore durch das Banner mit dem Reiter zu ersetzen.

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  5. Erst wenn IRL aus dem Parlament fliegt, die Reformpartei unter 10% der Stimmen hat, die Positionen der Zentristen als rechts empfunden, die Sozialdemokraten ihrem Namen gerecht werden und den Ministerpräsidenten stellen, Russisch als zweite Staatssprache anerkannt wird, die Arbeitslosigkeit bei 5% liegt, Zu- und keine Abwanderung stattfindet, dann kann man Estland als skandinavisch bezeichnen. Momentan ist das politische System Estlands irgendwo bei Thatcher-Regierung in den frühen 80-ern zu verorten.

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  6. Danke für die Wunschliste. Klingt zwar gut, stammt aber auch wohl ebenfalls eher aus den 80ern. Ich habe selbst zwei Jahre in "Skandinavien" gelebt und gearbeitet - und mich von Vorstellungen verabschiedet, eine sozialdemokratische Mehrheit (oder "wahre" Sozialdemokraten) könnten einen fett ausgestatteten Sozialstaat und liberales Ertragen Andersdenkender garantieren.
    "Die Regierung wird es schon regeln" - diese Einstellungen haben viele Esten tatsächlich nicht.

    Unter 5% Arbeitslosigkeit wünschen sich ja wohl die Est/innen ebenso, genauso wie das Ende der Abwanderung qualifizierter Fachkräfte.

    Russisch als zweite Amtssprache? Seltsam, warum wird das immer der Integration der Russischstämmigen vorangesetzt? Kann ich mir nur vorstellen, wenn diejenigen die sich mit dem heutigen Estland immer noch nicht anfreunden können mal ähnlich integriert wären wie die Schweden in Finnland.

    Für alle "Wunschlisten" gilt: Politiker/innen müssen das Vertrauen der Bürger bekommen, etwas in ihrem Sinne umzusetzen. Einfach sich ein anderes politische System wünschen, und die Esten selbst einfach für dumm erklären, finde ich zu einfach (und auch selbstgerecht).

    Am meisten stimmt die 80er-These noch in der Wirtschaftspoltik - Deutsche sehen sich in Estland ja auch manchmal in die 50er oder 60er Jahre versetzt; 80er ist da sogar noch zu gutmütig gedacht.

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  7. Daß sich Kloty eher politisch links positioniert, das wissen wir ja schon länger. Aber ich glaube, aus diesem Beitrag spricht ein Verständnis von Skandinavien und Thatcher, das an unregelmäßige zeitgenössische Zeitungsleser erinnert, die die Welt holzschnittartig in Schubladen aufteilt.

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