In einem Punkt kann Estland zu Beginn des Jahres 2011 auf jeden Fall zufrieden sein: an Aufsehen in der internationalen Öffentlichkeit mangelte es nicht. Das lädt dazu ein zu versuchen, ein wenig Bilanz zu ziehen. Wie haben sich die Pro's und Konta's rund um die Euro-Einführung verteilt? Einmal vorausgesetzt, man hätte alle Beiträge in der englisch- und deutschsprachigen Presse dazu gelesen: sind wir schlauer geworden? Hat es etwas gebracht?
Psychologie und die Gunst des Augenblicks
Soweit ich mir zutraue, das estnische Selbstverständnis und die Interpretation der eigenen Identität zu kennen und einschätzen zu können, müsste Estland zunächst mal sehr zufrieden sein. Wo die südlicheren baltischen Nachbarn neuerdings eher künstlich erzeugte Kampagnen benötigen, um international Aufsehen zu bewirken (lettische Weihnachtsbäume, litauische Parfums), ist Estland parallel zur Entwicklung der Euro-Einführung auf dem besten Weg, sich eigenständig ins Gedächtnis der internationalen und auch der deutschen Öffentlichkeit einzuprägen. Weg von "im Baltikum, auf der Karte oben", hin zu "nordisch", "internetfreundlich", "fremdsprachenkundig", "europäisch", und eben "das Land mit dem Euro". Und auch eine Motivation zur Anwendung des estnischen Euro liefert Estland den internationalen Gästen gleich mit: das Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt Tallinn lädt zu einem breit gefächerten Veranstaltungsprogramm ein. Dennoch sage ich: ja, ich gestehe, ich bin keinesfalls zufrieden dass zwischen dem Euro-Land Deutschland und dem Euro-Land Estland so ein großes Gefälle besteht. Wenn es in Estland über 15% Arbeitslosigkeit gibt, wenn Menschen aus ihrem Heimatland als Arbeitsmigranten weggehen müssen, weil im Arbeitsplätze ersatzlos verfallen, große Landflucht herrscht, kein angemessener Lohn gezahlt wird, oder die soziale Absicherung fehlt, dann kann das nicht der Normalfall sein. Sollten die finanzpolitischen Maßnahmen, welche die EU-Mitgliedsstaaten untereinander vereinbaren, nur dazu da zu sein um den Reichtum der Wohlhabenden abzusichern, kann das nicht im Sinne eines guten Miteinanders in Europa sein.
Allerdings: Die Argumente der Euro-Gegner überzeugen mich nicht. Hier kommt einiges zusammen, was sich häufig nicht zusammenreimt, sobald mal mehrere Argumente gegen den Euro zusammengenannt werden.
Daher hier mal gesammelt:
Ich würde mir wünschen, dass mehr Solidarität und Zusammenarbeit das Geschehen in Europa bestimmt. Wenn eine Gemeinschaftswährung scheitern sollte, wird es anderer Strategien bedürfen als schadenfroh an der Seite zu stehen. Wenn der Euro aber bleibt, werden wir dafür sorgen müssen dass er nicht zum Symbol bestimmter Währungsideologien verkommt. Wohlergehen und gute Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle muss das Ziel sein, so unterschiedlich die Länder in Europa auch sind. Die Verschiedenheit soll ja auch bleiben! Vielfalt der Kulturen kann Spaß machen.
Mit Mindeststeuersätzen für alle Unternehmen und einer besseren Kontrolle der Finanzmärkte kann ich mich gut anfreunden. Aber nicht mit scheinklugem Geschwätz über ein Land, dass die meisten dann wenn es aus den Schlagzeilen gerät nicht mehr wirklich interessiert.
Daher hier mal gesammelt:
- - die Esten sind sowieso zu dumm, die trauen sich nicht etwas gegen ihre Regierung zu sagen (na toll! Zeugt von sehr viel Sympathie für Estland.)
- - der Euro geht sowieso unter (plötzlich werden alle zu Finanzexperten, seltsam. Auf der einen Seite steht angeblich die Logik der Vernunft, aber auf der anderen viel Mysthik und Populismus)
- - die Sparpolitik geht zu Lasten der Ärmeren (ok, aber dürfte eine estnische Krone mit vollen Händen staatlicherseits ausgegeben werden?)
- - einige kluge Wissenschaftler sind gegen den Euro (na ja - jeder zitiert da einen Lieblings-Experten, während sonst jeder an die Käuflichkeit und Parteilichkeit auch von Expertenurteilen glaubt. Oder soll hier angeblich mal wieder der Untergang des Kapitalismus vervorstehen, wenn es nur genug Chaos gibt?)
- - die Esten treten nur dem Euro bei, weil sie geschönte Bilanzen haben wie die Griechen (das ist liegt schon nahe an der Diffamierung bestimmter Gruppen, die man angeblich ja im interkulturellen Zusammenleben in Deutschland bekämpfen möchte)
- - die Esten wollen nur auch Deutschland noch auf der Tasche liegen (wer das denkt, sollte dringend mal nach Estland fahren und mit Esten reden!)
- - die Lohnkosten steigen zu schnell, daher freuen sich die Esten auch über den "harten" Euro (wieder so ein Argument, wozu es sich lohnen würde in Estland mit Esten zu diskutieren. Wenn schon, dann trauern sie ihren "harten" Kroon nach)
- - die Inflation wird wieder steigen, und dann erfüllt Estland die Beitrittskriterien nicht mehr (na wie denn nun: entweder das System Euro verteidigen, und die Einhaltung von Kriterien belohnen, oder vielleicht ist einem das Finanzsystem auch ganz egal?)
- - die private Verschuldung sei zu hoch (ja, und fragen sie mal, in was die Leute ihr Geld angelegt haben: in Kroon oder in Euro? Und wer möchte diejenigen, die Geld in Kroon angelegt haben, mit einer Abwertung bestrafen?)
- - Estland habe die falsche Regierung (aber immerhin eine funktionierende Demokratie!)
- - die Landkarten auf den Euro-Münzen sind falsch gezeichnet (mit dieser Kritik haben angeblich russische Estland-Gengner die russischen Medien mobilisiert. Die bösen Esten also schon wieder? Russland zog 2005 seine Unterschrift unter den schon fertigen Grenzvertrag wieder zurück, angeblich um mögliche estnische Forderungen vorzubeugen - nun erinnert die russische Seite schon selbst an die völkerrechtswidrige Besetzung Estlands, sehr praktisch - obwohl an der Münze offenbar nichts auszusetzen ist - urteilen Sie selbst, ob sich dieser Streit lohnt)
- die estnische Krone war als nationales Symbol wertvoll (stimmt, besonders die mutige Loslösung vom russischen Rubel werdendie Esten in Erinnerung behalten. Aber warum darf es über den puren Nationalismus hinaus keine anderen Lösungen geben?)
Was fehlt: Europa besser machen!
Liebe Leute! Ich denke, mir geht es so: auf dem Wegen zum europäischen Einigungsprozess haben wir noch viel vor uns. Wir haben Estland zur Mitgliedschaft eingeladen, und nun wundern wir uns, dass Estland Europa ernst nimmt? Machen wir uns doch nicht allzu sehr davon abhängig, ob nun der eine Teil der Wirtschaftstheoretiker Recht hat oder der andere - viele scheinen nur deshalb für oder gegen den Euro zu sein, damit es mit der eigenen politischen Überzeugung übereinstimmt. Da wird dann Estland instrumentalisiert, nur damit die Diskutanten in der Diskussion besser dastehen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Solidarität und Zusammenarbeit das Geschehen in Europa bestimmt. Wenn eine Gemeinschaftswährung scheitern sollte, wird es anderer Strategien bedürfen als schadenfroh an der Seite zu stehen. Wenn der Euro aber bleibt, werden wir dafür sorgen müssen dass er nicht zum Symbol bestimmter Währungsideologien verkommt. Wohlergehen und gute Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle muss das Ziel sein, so unterschiedlich die Länder in Europa auch sind. Die Verschiedenheit soll ja auch bleiben! Vielfalt der Kulturen kann Spaß machen.
Mit Mindeststeuersätzen für alle Unternehmen und einer besseren Kontrolle der Finanzmärkte kann ich mich gut anfreunden. Aber nicht mit scheinklugem Geschwätz über ein Land, dass die meisten dann wenn es aus den Schlagzeilen gerät nicht mehr wirklich interessiert.


