Donnerstag, April 27, 2006

Estnische oder deutsche Namen, oder was?

Seit dem 2. Weltkrieg gibt es große Schwierigkeiten bei der Benennung von Orten vor allem in Osteuropa. Das Deutsche wird aus Vorsicht oder aus vermeindlicher Rücksichtnahme gemieden. Aber nicht immer, siehe Warschau oder Moskau. Auch ich habe da keine eigene Regel, wie ich feststellen muss. Teilweise benutzen wir jetzt originalsprachliche Versionen wie Vilnius statt Wilna für die Hauptstadt Litauens. Die FAZ benutzt weiterhin den Begriff Reval (deutsch) für Tallinn. Einige nehmen den Umweg über das Kyrillische und schreiben Tallinn mit nur einem "n", Tallin=Таллин. Obwohl linn im Estnischen Stadt meint. Na ja, im Polnischen ist es ebenfalls mit nur einem "n" und im Friesischen auch, aber das führt zu weit.
Dagegen haben es die Schweden einfacher. Sie sind geschichtlich nicht so belastet. Sie bezeichnen die größte Insel Estlands Saaremaa wie gehabt als Ösel. Übrigens die Deutschen früher auch. Und bei den Schweden macht es besonderen Sinn:

På estniska heter Ösel Saaremaa, som betyder "ö-landet".

Ö ist gleich Insel im Schwedischen, saare heisst Insel im Estnischen und maa bedeutet Land, also direkt übersetzt: Inselland. Alles klar?

Mittwoch, April 26, 2006

Narva - 1.Weltkrieg und die Fotos


Narva Church WWI Eastern Front
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Im letzten Jahr handelten einige Posts von der deutschen Ostfront im 1. Weltkrieg. Ein deutscher höherrangiger Soldat hatte Fotos aus den Besatzungsgebieten aufbewahrt. Zum großen Teil war er selbst mit der Kamera unterwegs. Bis vor kurzem waren die Aufnahmen in Privatbesitz. Wir haben diese bei dem Fotoprogramm Flickr im letzten Jahr hochgeladen. Mit der Zeit gab es Reaktionen und Kommentare darauf. Sie reichen von Finnland, Russland bis in die USA. Einige haben wertvolle Zusatzhinweise geliefert. Hier ist eine Information, die ich per Email erhalten habe, und zwar zu dieser Straße in Narva im Nordosten Estlands.
"This new pic You uploaded is a view of the church by "Kiriku street". "Kirik"="church" in Estonian. The street used to be a straight line from orthodox church to lutherian church, both built by Krenholm manufactory for their workers. Narva was till 1917 actually in a unique situation. When the territory, refered nowadays as Estonia was divided between Livonian and Estlandian Gouvernments of the Russian Empire, the city of Narva belonged to St. Petersburgh Gouvernment. But only the city itself. The surroundings, including the Krenholm factories that are inside city now, belonged to Estlandian Gouv. In factories worked much more people, than lived in the city. So the factories decided to build there own churches, as people couldn't go to church into another Gouvernment. Crazy ... "

von Seemerep (Synonym), der Historiker in Narva ist.

Dienstag, April 25, 2006

Tschernobyl aus estnischer Sicht

Vor zwanzig Jahren ereignet sich der Tschernobyl-Gau. Die daruffolgenden Wetterbewegungen, die das freigesetzte radioaktive Material mit sich führen, lässt viele Mitteleuropäer das Schlimmste befürchten: Die Angst vor Verstrahlung.
Während der Folgezeit haben viele Esten noch viel unmittelbarere Sorgen. Männer werden zur "Liquidierung" der Schäden in die Ukraine zwangsrekrutiert.
Laut der Zeitschrift Pogrom 3/87 wird dem Journalisten Tonis Avikson gedroht, selbst dorthin zu Aufräumarbeiten geschickt zu werden, wenn er weiterhin entgegen der Zensurbestimmungen über Tschernobyl berichte.
Auch das TIME MAGAZINE greift die Situation auf:
While the experts argued, workers labored to restore the land around Chernobyl. A newspaper in Soviet Estonia reported that military reservists from that Baltic republic were being forced to participate in the Chernobyl cleanup. The men were said to be working 14-hour days washing down buildings and trees and digging up contaminated topsoil. ''They are like squirrels in a running wheel,'' wrote Journalist Tonis Avikson. He noted that the reservists staged work stoppages when their Chernobyl tour of duty was extended from two months to six, and the ''air was filled with strong words, words fueled by disappointment, indignation, despair.'' Despite this harsh picture, the reporting was apparently an officially approved effort to squelch false rumors about even worse conditions.

Daneben nennt Pogrom noch eine weitere Ungeheuerlichkeit:
Die Versorgung der Bevölkerung mit Molkerei- und Fleischprodukten wird seit Ende Juni 1986 in Estland immer schwieriger. Offiziell heißt es nur, daß der Milch-und Fleischplan in der estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik nicht erfüllt worden sei. Das Plansoll für diese Waren ist jedoch wegen nötiger Lieferungen in die Ukraine erhöht worden.
Im Gegenzug werden radioaktiv belastete Lebensmittel aus der Ukraine (Butter, Zucker, Süssigkeiten, Fruchtsäfte) als "brüderliche Hilfe" nach Estland geschickt. Im August wird das Fleisch- und Konservenkombinat in Tallinn gezwungen, 30 Tonnen Fleisch, teilweise hochbelastet, aus der Ukraine entgegenzunehmen. Dieses Fleisch muß bei der Wurstherstellung des Kombinats mit einem Anteil von zehn Prozent "untergemischt" werden. In Poltsamaa ist hochradioaktiv belastete Margarine, die im weißrussischen Gomel hergestellt wurde, auf dem Markt.

Hier noch ein paar wissenschaftliche Zahlen:
Department of Epidemiology and Biostatistics, Institute of Experimental and Clinical Medicine, Tallinn, Estonia.

Nearly 2% of the male population of Estonia aged 20-39 years were sent to Chernobyl to assist in the cleanup activities after the reactor accident. A cohort of 4,833 cleanup workers was assembled based on multiple and independent sources of information. Information obtained from 3,704 responses to a detailed questionnaire indicated that 63% of the workers were sent to Chernobyl in 1986; 54% were of Estonian and 35% of Russian ethnicity; 72% were married, and 1,164 of their 5,392 children were conceived after the Chernobyl disaster.

Sonntag, April 23, 2006

Leben als deutscher Expat in Estland

Es gibt einen neuen Blog über Estland. Verfasst von Martin aus Münster, den es für einige Zeit nach Tallinn verschlagen hat. Das Weblog ist mit einer Menge Fotos ausgestattet, vor allem zu den Beobachtungen im Alltag. Zum Beispiel der Eintrag "Beim Genie"(gemeint ist ein KFZ-Mechaniker):
...
Er turnt weiter. Er beißt sich völlig in meine Karre fest. Nimmt überhaupt nicht mehr wahr, was um ihn herum passiert. Er verschmilzt mit meinem Passat Kombi. Ich bin hin und weg - einer der seinen Job liebt. Ein Schraubergenie. Er erklärt mir alles, obwohl ihm sein Englisch Mühe macht. Holt sogar Worterbücher zur Hilfe. Zeigt Bilder aus Werkstattbüchern. Er testet mit diesen durchsichtigen Zündkerzen die Verbrennung und drückt mir die Anleitung für die Kerzen in die Hand. Er dreht hier und da. Man sieht ihm an, wie sein Gehirn auf vollen Touren läuft.
...

Weiterlesen hier.

Freitag, April 21, 2006

Türkische Streitkräfte in Litauen - Esten in Afghanistan

Es ist schon erstaunlich mit welcher Gelassenheit, oder ist es Unwissenheit, wir Mitteleuropäer diese Veränderungen der letzen 10 Jahre wahrnehmen. Carl Bildt schreibt zum Einsatz in Litauen:
For the first time it is planes from the Turkish Air Force coming to the area. It's not their natural environment.
And it's worth noting that they are also bringing the first female fighter pilot to the mission and to the area.
It's modern Turkey in the new Europe.

"Normaalne" würden sich die Esten dazu lakonisch äussern. So weit ich weiss, gab es früher nie estnische Soldaten im Irak oder Afghanistan. Nur die Deutschen habe da schon gewisse strategische Erfahrungen. Besonders aus den zwei Weltkriegen. Noch bis 1991 versuchten viele Esten der Einberufung in die Sowjetarmee zu entgehen. Doch die meisten absolvierten in den 80ern und davor den regulären Wehrdienst. Alte Fotoalben aus dieser Zeit in Privatbesitz zeigen Militärkarten, die zur Vorbereitung auf eine Invasion in Westdeutschland dienten. Als Reaktion gegen die letzten sowjetischen Zuckungen in den Jahren 1988-1991 wiederum bildeten sich estnische Freiwilligenverbände, wie das Photo von 1992 in Tallinn zeigt, genannt Kaitseliit. Das heisst aber noch nicht, dass alte Strukturen gänzlich aufgehoben waren. Es gab sogar eine Rebelleneinheit im unabhängigen Estland, die sich vorübergehend dem Oberbefehl verweigerte. Es gab ein Unglück in der Ostsee, wo bei einer Übung viele Soldaten ertranken. Manche führen das auf die frühere Menschenverachtung der Sowjetoffiziere gegenüber niederen Rängen zurück, Rücksichtslosigkeit,die noch nicht ganz ausgestorben war. 10 Jahre später stellt die modernisierte Armee ganz neue Anforderungen. Und da begegnen sich Deutsche und Esten mit ihren Erfahrungen. Sie hatten keine, wenn es um internationale Einsätze ging. Die Bundesdeutschen waren zumindest an nichtmilitärischen Aufgaben beteiligt, aber nicht an Kriegseinsätzen. Hier die Sichtweise des US Defence Departments zum Beitrag der kleinen Nationen wie Estland. In Bosnien und Afghanistan sind sowohl Deutsche als auch Esten stationiert, nur im Irak sind die Esten ohne deutsche Beteiligung dabei.

Donnerstag, April 20, 2006

Estland als Vorbild


So sieht es jedenfalls das Cato-Institute in Washington D.C.. Diese Organisation ist bekannt für ihre wirtschaftsliberalen Ideen. Obwohl hier Nähe zu den Republikanern besteht, liegt das Cato-Institute nicht immer auf einer Linie mit der Politik, sondern kann auch in Oppposition zur Regierung stehen,siehe Englischversion Wikipedia.
In regelmäßigen Abständen wird der Milton-Friedman-Preis verliehen, benannt nach einem Nobelpreisträger der Wirtschaft. Folgerichtig wurde diesmal die Auszeichnung an Mart Laar vergeben, ehemaliger Premierminister Estlands, der einer der Hauptakteure der wirtschaftsliberalen Revolution in den Umbruchsjahren der 90er war.
Aus der Pressemitteilung - "Walking on water":
But as Laar, who served two terms as prime minister, has pointed out, he is not an economist: "I had read only one book on economics . Milton Friedman's Free to Choose. I was so ignorant at the time that I thought that what Friedman wrote about the benefits of privatization, the flat tax and the abolition of all customs rights, was the result of economic reforms that had been put into practice in the West. It seemed common sense to me and, as I thought it had already been done everywhere, I simply introduced it in Estonia, despite warnings from Estonian economists that it could not be done. They said it was as impossible as walking on water. We did it: we just walked on the water because we did not know that it was impossible."

Der Preis ist immerhin mit 500 000 Dollar dotiert. Hier der Blogeintrag zu Mart Laar vom Oktober 2005.

Dienstag, April 18, 2006

Übersetzungsflaute

In den letzten Jahren hat die Anzahl der veröffentlichten Übersetzungen von Romanen und Erzählungen aus dem Estnischen ins Deutsche abgenommen. Die beste Zeit waren die 90er, als zwei Verlage für regelmäßige Neuerscheinungen sorgten. Das bietet Gelegenheit sich einen Überblick über das bisher Vorhandene zu schaffen. Das hat Kerttu Wagner bei einem Vortrag in Wien getan (pdf-Format). Zwar war das bereits im Jahre 2003, aber wie gesagt, es gibt noch nicht viel Neues dem hinzuzufügen. Am Ende resümiert sie:
Was ich mir für die Zukunft wünsche und ich hoffe, Sie teilen meine Meinung, ist,
dass es eine Normalität wird, wenn auch nicht so eine alltägliche Normalität wie es
zum Beispiel der Fall bei der französischen oder spanischen Literatur ist, ein Werk
eines estnischen Autors oder Autorin in der Buchhandlung vorzufinden, es zu kaufen
und zu lesen. Hoffentlich überwindet die Kritik endlich diese Schock- und
Überraschungsphase „Estland - existiert - doch noch - und hat sogar hervorragende
Autoren“ und kommt zu sachlicheren Analysen.
WEBFU [Wiener elektronische Beiträge des Instituts für Finno-Ugristik] 2003
” Kerttu Wagner ISSN 1609-882X Seite 13
Der Satz aus Professor Martens´ Abreise über Martens´ nationale Zugehörigkeit, den
die ausländischen Kritiker so gern zitieren und den man allegorisch auf den
Bekanntheitsgrad der estnischen Literatur und Estland insgesamt im westlichen
Ausland aus estnischen Sicht übertragen könnte sollte endlich ausgedient haben:
„Aber Sie als Russe? Ach, Sie sind gar kein Russe? Also, Sie als Deutscher, nicht
wahr – Ach Sie sind nicht Deutscher? Ja, was sind Sie denn? Wie? Eskimo? Nein?
Este? Was sind denn das für welche?“ (J. Kross. Professor Martensi ärasôit. Tallinn,
202).

Im Vortrag geht sie auch auf das Übel der Zweitübersetzungen ein, vor allem der Übertragung vom Estnischen ins Russische und von dort ins Deutsche. Dazu ein paar polemische Spitzen auf Seite 6 des Vortragskripts.

Sonntag, April 16, 2006

Estland durch die Kamera

Manche behaupten, die jungen Esten seien besessen, ihre digitalen Privatfotos ins Netz zu stellen. Zum Beispiel: "Ich und die Chemiestunde letzte Woche", entsprechende Programme dafür gibt es genug.
Daneben betreiben einige aber noch die traditionelle Fotografie. Einer von ihnen ist Darius. Aus seinem Fotoweblog hier die Aufnahmen aus Gesellschaft und Politik: Redner vor Elchgeweih, aus dem Parlament, der Präsident usw..

Dienstag, April 11, 2006

Ich dachte, ich sei eine Exotin, wenn ich nach Estland gehe ...

Deutsche Studierende, die mal ein Semester in Estland verbringen, erwarten offensichtlich immer noch ein nordisches Exotendasein. Etwa 40 deutsche Gast-Studierender gibt es gegenwärtig an der Universität der alt-ehrwürdigen Stadt Tartu - so berichtet es Alexandra Frank für die Europazeitung CAFE BABEL.
Vor Wölfen und Bären sei vorher gewarnt worden, so berichtet Frank von den Erzählungen deutscher Studierenden. Und im Winter könnte man erwarten, es sei den ganzen Tag dunkel.
Aber in der Realität gestaltet sich dann das Leben und das Studium in Tartu doch ein wenig anders, und die meisten äussern sich zufrieden mit ihrer Wahl. "Die Seminargruppen sind klein, die Dozenten motiviert und das Angebot an englischsprachigen Kursen groß," wird eine Studentin zitiert.


Sogar im Wohnheim gibt es Internetzugang, und an die Sowjetzeit erinnert nur wenig, so geben es weitere studentische Schilderungen zu Tartu auf CAFE BABEL wieder. "Und wo in Europa kostet schon das Bier nur 1,50 Euro?"

Präsidentschafts-Algebra

Oder Arithmetik? Egal, mit Mathe kommt man hier erfahrungsgemäß nicht viel weiter: Schlagzeile des Wochenbeginns in Estland ist die Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten. Für nur 1,5 Millionen Einwohner und mehreren im Parlament vetretenen Parteien ist die Auswahl an Kandidaten für das Präsidentschaftsamt erstaunlich hoch. Pro Partei gibt es wenigstens drei Bewerber. Einzige Einschränkung, es gibt auch parteienübergreifende Kandidaten. Toomas Hendrik Ilves ist gleich von dreien aufgestellt worden und befindet sich so gesehen in der Spitzenposition:

• Reformierakond: Paul-Eerik Rummo, Laine Jänes, Toomas Hendrik Ilves

• Res Publica: Ene Ergma, Jaak Aaviksoo, Jaan Männik

• Sotsiaaldemokraatlik Erakond: Toomas Hendrik Ilves, Liina Tõnisson, Jaak Aaviksoo

• Keskerakond: Toomas Varek, Enn Eesmaa, Aadu Must

• Isamaaliit: Peeter Tulviste, Jaan Manitski, Toomas Hendrik Ilves

Allikas: PM


Da der Präsident nicht direkt gewählt wird, sind Verschiebungen wie bei den vorangegangenen Abstimmungen möglich.

Freitag, April 07, 2006

Ice Age - Es taut, aber langsam

Hier die neuesten Eismeldungen von der Ostsee. Die Finnen haben da einen sehr praktischen Dienst mit Kartengraphiken, wo die grauen Zonen die Zentimeterstärke der Ostseevereisung angeben. Der Frühling lässt auch in Estland auf sich warten. Im März war die Eisdecke zwischen Tallinn und Helsinki sogar geschlossen.

Donnerstag, April 06, 2006

Noch ein Präsidentschaftskandidat

Bei der letzten Wahl war Peeter Tulviste Konkurrent des jetzigen Präsidenten Arnold Rüütel. Tulvistes Partei Isamaaliit hat ihn gegenwärtig neben zwei weiteren Kandidaten aufgestellt. Über Ilves haben wir schon berichtet. Obwohl Tulviste beiläufig als Akademiker bezeichnet werden könnte, hat er aber schon früh gezeigt, dass er auch jenseits des universitären Elfenbeinturms Spuren hinterlassen kann.
Am 28. Oktober 1980 war er einer von 40 Unterzeichnern eines offenen Protestbriefs aus der Estnischen SSR. Es war die Zeit, als Breschnew scheinbar noch ewig die UDSSR regieren würde. Opposition bedeutete genau das Gegenteil eines ruhigen Lebens innerhalb des Sowjetsystems. Hier ein Auszug:
Gewisse Facetten des estnischen Nationalbewußtseins sind leicht verletzbar, und jede Unachtsamkeit gegenüber solchen Gefühlen kann ernste Konsequenzen haben. Die ausgeprägte Empfindsamkeit der Esten namentlich im Hinblick auf ihre Sprache läßt sich unschwer aus dem Umstand verstehen, daß die Deutschen, die hier jahrhundertelang die Oberherren waren, die estnische Sprache als Kulturträger für zu schwach, ja nutzlos erklärten. Den gleichen Standpunkt nahm das der deutschen Herrschaft folgende zaristische Regime ein. Die Esten freilich widersetzten sich solcher Pressionen. Für sie gewann die Sprache eine symbiotische Bedeutung, die sie bis auf den heutigen Tag an ihren harten Kampf um menschliche Würde erinnnert.

1991 war das Ziel erreicht. Estland konnte selbst über seine Sprach- und Bildungspolitik entscheiden. Peeter Tulviste, später Leiter der wichtigsten Universität in Estland, berichtete dazu aus anderer Perspektive auf einer Veranstaltung in Münster 1996 zum Thema 5 Jahre Unabhängigkeit:
Peeter Tulviste in Münster(Mitte)
...
Auch ging er[Peeter Tulviste] auf die Probleme der russischen Bevölkerung ein: Nur 8,5% betrage der Anteil russischsprachiger Studenten an der Universität Tartu. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung müßte er eigentlich bei etwa 30% liegen. Einen Grund für die geringe Zahl sehe er nicht in Sprachbarrieren oder Diskriminierung, sondern u.a. in der mangelhaften Aufklärung über Bildungsmöglichkeiten in den russischsprachigen Siedlungsgebieten. Vor zwei Jahren [1994]machten Repräsentanten der Uni Tartu eine Informationsfahrt nach Narva in den Nordosten des Landes. Kaum jemand wußte dort, daß man auch als russischsprachiger Bürger in Tartu studieren könne.

aus InfoBlatt Baltische Staaten 2/96
Zu der Zeit gab es noch Möglichkeiten, das Grundstudium auf Russisch zu absolvieren. Interessant wäre die aktuelle Situation. Welche Unis bevorzugen die Studenten aus Narva?

M/S Estonia - 12 Jahre nach dem Untergang

Zeitungsartikel aus den Jahren 94/95 mit den alten Schuldzuweisungen. Die Untersuchungen gehen mittlererweile in eine andere Richtung.

1994 geschah eine der "größten Schiffskatastrophen" der Nachkriegszeit mit dem Untergang der M/S Estonia in der Ostsee während eines Herbststurms. Bald begann die Ursachenforschung des Unglücks. Schon mit den ersten Nachrichten gab es Schuldzuweisungen. Gegen den deutschen Schiffsbauer, das Wartungsteam, die Crew, die schwedischen Kontrollbehörden, grundsätzlich Bedenken gegen den Bautyp RORO-Fähren, deren Ladeluken in der Nähe des Meeresspiegel öffnen. Eine offizielle Kommission wurde von den betroffenen Staaten eingesetzt. Doch deren Abschlußbericht wurde immer wieder angegriffen. Private Untersuchungen wurden angestellt, sogar eine Tauchexpedition zum Wrack organisiert. Jutta Rabe, die deutsche Journalistin und ihr Buch zum Untergang der Estonia, wurden vor allem bei uns bekannt. Aber international ist auch der schwedische Schifffahrtsexperte Björkman dabei. Hier seine detaillierten Darstellungen in jüngster Zeit.
Nun ist die Sache aber in Estland wieder auf Regierungsebene gelandet. Im März wurde ein Report einer Expertenkommission erstellt und im April veröffentlicht, der die schwachen Stellen des Untersuchungsberichts auflistet. Die Akten werden noch nicht geschlossen.

Update 13.04.: Wie geht es weiter? Die Frankfurter Rundschau berichtet hier.

Dienstag, April 04, 2006

Estland-Einsteiger

Wieder kommt ein Blogger,"russlandversteher", das erste Mal nach Estland und wieder von Russland aus. Wir hatten bereits ein Post im Frühjahr dazu aufgegriffen. Hier sein erster Eindruck: "Estnifiziert".

Montag, April 03, 2006

Reden oder Schweigen

Wer einmal Filme des finnischen Regisseurs Kaurismäki gesehen hat,der weiss, warum Schweigen eine große Rolle bei den beiden Nachbarn Finnland und Estland spielt. Nehmen wir als Beispiel den Film Tatjana:
Mit "Tatjana" hat Kaurismäki sozusagen das Destillat seiner bis dahin geschaffenen Filme gedreht: Ein seltsam zeitlos anmutendes Roadmovie, dessen schwermütige Helden ohne ein Ziel vor Augen durch eine ebenso schwermütige Landschaft fahren, die Bekanntschaft zweier Frauen machen, ohne sie wirklich kennenzulernen, vor allem aber ständig Kaffe oder Wodka trinken. So werden die spärlichen Requisiten des Films - die Kaffeemaschine, der Schallplattenspieler, der alte schwarze Wagen der Marke Wolga - zu Hauptdarstellern, die sich von ihren menschlichen Pendants nur dadurch unterscheiden, daß sie nicht sprechen können.

Und jetzt der entscheidene Satz:
Doch von dieser Möglichkeit machen Reino und Valto (Matti Pellonpää und Mato Valtonen) ohnehin kaum Gebrauch, und in seinem letzten Film "Juha"(1998) hat Kaurismäki dann vollständig auf gesprochene Worte verzichtet.


Ich selber habe es schon öfter erlebt, dass selbst mit guten Freunden das Gespräch in einem gemütlichen Cafe in Tallinn plötzlich in den Stand By Modus fallen kann. Das Erstaunliche dabei, es entsteht kein peinlicher Moment, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Genau diese Situation reflektiert ein Este, den die Zeitläufte nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate verschlagen hat:
When it comes to discussions and stuff, then quite often estonians don't say out loud things that are obvious for them whereas in many other cultures people are saying out everything that comes to their mind. I've seen this in many international conferences and noticed it among my friends. This leads me to my question: do you have to all the time prove how much you know by saying out everything you know? Sure, when you don't say this or that, other people don't know that you know. You know? I know people that whenever they can are trying to show off their knowledge or say something just for the sake of seeming smart. Seeking recognition? Ego gratification? Or built-in and the person is not even aware of this? I'm not saying it's a bad thing. Nobody likes a smartass, but still. Perhaps it's even better like this. You can raise other people's opionion on you better this way. Or lower it, if you're dumb. As the joke is, its better to be silent and let people think you're stupid than opening your mouth and proving they're right.

Estland und die Neue Hanse in Osnabrück


Die Vorbereitungen auf die Hansetage im Juni in Osnabrück schreiten voran.Hier das große Banner mit den Mitgliedern der Neuen Hanse. Ein Programmpunkt aus estnischer Sicht steht schon fest. Der Dirigent Tonu Kaljuste wird das Osnabrücker Symphonieorchester bei einem Konzert im Theater leiten.
Heutzutage werden die positiven Seiten der historischen Hanse betont, dass aber die Hanse auch anders gesehen werden kann, dazu gibt es bereits einen älteren Beitrag im Estlandblog.