Montag, November 13, 2006

Rumstochern in der Geschichte

Die Kreml-Protokolle. Das SPIEGEL Titelthema der Woche. Warum zerfiel die Sowjetunion, und wer war dafür verantwortlich? Das Baltikum bleibt wiedereinmal Randgeschichte. Das habe ich zwar anders in Erinnerung. Der Spiegel setzt die Gorbimania aber fort und ausserdem bringen die deutschen Medien wieder etwas exklusiv aussehendes, was in englischsprachigen längst durchgenudelt wurde. Zum Beispiel in der New Times aus Russland im September. Dort meinen sie zum Schluß, dass es nur eines begabten Führers gefehlt habe, der aber unter den Millionen Parteimitgliedern nicht zu finden war. Mann, wie lange hängen sie noch ihren Großmachtfantasien nach?
Sie hatten nicht die falschen Politiker, sie waren am Ende:
Having reached a total economic and political impasse, the Soviet leadership was forced to look for new ways to keep the empire together. Despite the official aims of Mikhail Gorbachev's restructuring of the Soviet political system (perestroika), glasnost offered an opportunity for various democratic forces to begin voicing protests against environmental damage, forced industrialization, russification and the repression of national culture.

Und die Esten haben die erste Möglichkeit ergriffen, den Verein zu verlassen.

Einladende Einkaufspassage in Tartu, in der es nichts zum Kaufen gibt kurz nach dem Ende der Sowjetunion. Aber vorher auch schon nicht. Es lebe das Kurzzeitgedächtnis, nicht wahr?
Der Blick auf die Kreml-Protokolle verengt das Bild. Selbst der Westen half am Anfang mit allen Kräften die Sowjetunion zu retten. So lange bis es nicht mehr opportun war. So sieht es ein damaliger Unterstützer estnischer Unabhängigkeitsbestrebungen:
I also saw the George W. H. Bush Administration play what I still consider a duplicitous great power game – and don’t let anyone try to convince you otherwise. James Baker, Bush’s Secretary of State at the time, and Bush’s “real politick” foreign policy inner circle remained enchanted with the personable Mikhail Gorbachev even after it had become clear to those of us living in Europe that he had long lost the confidence of the Russian people. In Bush and Baker’s desperate attempts to keep Gorbachev in power and - to their credit - the hardliners at bay, as well as the Soviet Union in one piece, the tiny Baltic Republics were seemingly caught in a vise.

Kommentare:

  1. Ja, daß der Kaiser nackt ist, mögen Viele nicht sehen und noch weniger trauen sich es auszusprechen ...

    Rußland als Ganzes weckt vermutlich im Unbewußten vieler Deutscher eine Vorstellung eigener vergangener oder vermeintlicher Größe; und bei den Nachbarstaaten weckt deutsch-russisches Balzgehabe auch von daher nicht ganz unberechtigt stets Ängste (Stichwort Rapallo).

    Ich habe noch in den Ohren, wie mir Anfang der 90er der Sohn eines deutschen Marineoffiziers in diplomatischer Mission davon erzählte, welche hochfliegenden Pläne sein Vater und manche seiner Kameraden für die Zukunft hätten, Bug an Bug mit "russischen Freunden".

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  2. Dieses Misstrauen habe ich auch. Von der deutschen Seite habe ich nicht viel erwartet, nur erhofft. Rückblende 1991. Ich habe einige Notizen festgehalten, weil sie genau das wiedergeben, was von deutscher Seite gedacht wurde. Zum Beispiel der "Blutige Sonntag" 1991 in Vilnius, wo Zivilisten von Panzern überollt wurden. Ich habe damals beim Auswärtigen Amt angerufen, um zu erfahren, wie wir (D) darauf reagieren werden. Ein Zitat, das ich unmittelbar nach dem kurzen Telefongespräch mit einem Referenten (?) auf einem Zettel festgehalten habe: Sonntag 13. Januar 1991: Auswärtiges Amt angerufen wg. Stellungnahme zum Panzereinsatz in Litauen. Antwort AA am Telefon: "Wenn die Leute so dumm sind ihre eigene Regierung zu stürzen, kann man ihnen auch nicht helfen."
    Dieses: Kann man ihnen auch nicht helfen, hat seine Spuren hinterlassen. Wenige Tage später stirbt der Dokumentarfilmer Slapins in Riga, wahrscheinlich durch Omon-Kugeln, einer sowjetischen Spezialeinheit. Die Videoaufnahmen sind berüchtigt. Er bittet seinen Kollegen weiterzufilmen, während er im Sterben liegt. Auf 3Sat läuft wenig später in Deutschland eine Sendung mit dem sowjettreuen Alksnis, der dort behaupten kann, im Lettischen Innenministerium, in der Nähe des Geschehens, hätte es eine Massenvergewaltigung gegeben. Das ist seine Rechtfertigung für die Toten, eine dreiste Lüge. Aber sie schaffen es, Gehör zu finden in Deutschland. Das Dietrich Genscher in seinen Erinnerungen kaum Politiker aus dem Baltikum dieser Zeit erwähnt ist nur noch eine Bestätigung meines Misstrauens.

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