Samstag, November 11, 2006

Neue Heimat ohne Illusionen

Das Thema "Auswandern" ist in Deutschland noch immer populär. Doch waren es früher mal Länder wie Australien, Spanien, die USA oder Norwegen, die ganz oben auf der Beliebtheitsskala standen, kommt nun auch Estland ins Visier der Paradiessucher.

SPIEGEL ONLINE hat ein Diskussionsforum eröffnet und berichtet nun über die gesammelten Eindrücke in einem eigenen Beitrag. "Ich schufte mitunter 20 Stunden", berichtet dort Auswanderin Ute Wohlrab, die auch uns schon einige Jahre bekannt ist und in erster Linie durch ihren Einsatz für die estnischen Tori-Pferde bekannt ist. SPIEGEL ONLINE macht daraus: "Ute Wohlrab hat erlebt, dass das Abenteuer Ausland zum Alptraum werden kann". - Ist das so? Zitiert wird immerhin auch der Satz: "Der Entschluss, "dass meine Biographie von mir geschrieben wird, hat schnell festgestanden", und: "Heute habe ich ein Gestüt mit 24 Pferden. Ich bin meine eigene Chefin, schufte mitunter 20 Stunden am Stück. Ich würde trotzdem niemals tauschen wollen."

Vor einigen Jahren berichtete Wohlrab bei INFOBALT über ihre ersten Eindrücke in Estland. Bei SPIEGEL ONLINE berichtet sie heute: "Nach zwölf Jahren bekomme ich noch zu hören, dass ich doch bitte nach Deutschland verschwinden solle, wenn ich offensichtliche Missstände kritisiere". Auch in unserem Estland-Forum haben wir sie schon zitiert, damals mit Äusserungen über die Finnen in Estland. (Foto: Homepage Hargu Talu)

Inzwischen gibt es auch estnische Presseartikel über die zähe deutsche Pferdeliebhaberin, so bei KROONIKA, LEMMIK oder POSTIMEES. Auch in estnischsprachigen Internetforen ist Wohlrab aktiv, und nicht nur zu Pferden, sondern auch zu im Sommer 2006 so beliebten Bärenthema meldet sie sich zu Wort.

Es bleibt also festzustellen: ein konsequentes, hartnäckiges Auswandererleben in Estland hat Ute Wohlrab angefangen und bis heute durchgehalten, ohne es sich zu einfach zu machen. Heute, unter den Rahmenbedingungen der EU-Mitgliedschaft Estlands, ohne Visapflicht und andere Erschwernisse (die es ja lange Jahre gab), fragen manchmal ganz andere Leute - die vielleicht einfach mit ihrem bisherigen Leben irgendwie unzufrieden sind - nach einfachen, und möglichst sofort umsetzbaren Arbeitsmöglichkeiten in Estland (Bequemlichkeiten wir möglichst kostenlose Hilfe anderer inklusive).
Also, Leute: überlegt es euch gut, nutzt nicht die estnischen Einkommensunterschiede einfach aus (als relativ reiche Wessis), sondern schaut euch das Land an, und seht dann, ob ihr mit Menschen und Mentalitäten klarkommt. Dann können Beispielen von Leuten, die Estlland inzwischen zu ihrer neuen Heimat gemacht haben, vielleicht auch als Beispiel dienen.

1 Kommentar:

  1. Im Telepolis gibt es gerade einen interessanten Artikel "Nichts wie weg!", in der 75 Gründe genannt werden aus Deutschland auszuwandern. Und zwar jetzt gleich:

    http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/23/23918/1.html&words=auswandern

    Ob nun alle Gründe ernsthaft in Erwägung zu ziehen sind, ist fraglich, viele Gründe sprechen jedoch dafür, Deutschland besser "jetzt gleich" den Rücken zu kehren, vor allem junge akadermikerInnen betreffend, die zukünftig die Melkkuh für Deutschland darstellen werden, ohne jedgliche staatliche Gegenleistung hierfür erwarten zu dürfen, eher Kürzungen und mehr Unsicherheiten.

    Sicher, es gibt auch gute Gründe aus Estland auszuwandern, nur kann man in Estland noch was reissen (ich meine damit nicht Frauen aufreissen), auch oder aufgrund der Kleinheit. Und als "IT-mees" oder als Handwerker im Baugewerbe hat man derzeit beste Chancen auf dem estnischen Markt. Ich bin zwar gerade noch in Deutschland tätig, jedoch soviele Firmen, die auf cvkeskus von selbst nach meiner Arbeitskraft fragen, darauf könnte man in Deutschland länger oder vergeblich warten. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass einige deutsche Firmen mittlerweile viele Arbeitsplätze auch in Estland verlagert haben (div. Callcenter z.B.), und nein es liegt nicht nur an der Billigkeit der Arbeitskräfte, was sie eigentlich gar nicht mehr sooo viel billiger sind, sondern liegt auch an der Liberalität des Marktes, welche natürlich auch ihren Preis hat. Aber hey, wenn deutsche Firmen nach Estland gehen, warum nicht mitziehen? Fun im Schnee ist um diese Jahreszeit in Estland jedenfalls noch garantiert, in Regenfützen muss man dort erst wieder beim Frühlingstau treten.

    Und wem interessiert da noch die wegfallende Hartz IV Sicherheit wenn man die Zeche in Deutschland als Melkkuh der Nation zurück zu bezahlen hat?
    Rente?

    In Estland könnte man sich jedenfalls eher noch gebraucht und heimisch fühlen, als im lethargieverseuchtem "alles ist scheisse" aber hauptsache "geiz ist geil" Mentalitäts-Deutschland.

    An Mangel an Arbeit, solange man nicht extrem unqualifiziert und voll und ganz auf Hartz IV Kater eingestellt ist, wird es jedenfalls nicht scheitern.

    Enthusiasmus muss man in Estland allerdings schon zeigen, aber da werden die angeblich "kalten" und "unfreundlichen" Esten schon mit angelich "billigem Fusel" nachhelfen

    ;)))

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